Die Freilernerzeitschrift gibt es schon seit über 20 Jahren. Sie ist als Plattform für Familien, Initiativen und Vereine, die sich mit selbstbestimmten und selbstorganisierten Bildungsformen beschäftigen, entstanden. Es sind viele Familien dabei, die die Schulpflicht verweigern oder im Ausland schulfrei leben, sowie auch freie aktive und demokratische Schulen und junge Erwachsene, die sich alternative Bildungsprojekte organisieren. Wir bieten Raum für eine breite Vielfalt und stehen für Pluralität, Offenheit und Toleranz, doch wir stellen uns deutlich gegen jegliche diskriminierende, gewaltverherrlichende und nationalistische Ansätze und Ideologien.
Miteinander im Kontakt sein, im Austausch sein, sich kennenlernen. Wo ist es möglich, Gleichgesinnte zu treffen? Wo ist es möglich, dass sich auch ganz unterschiedliche Menschen treffen? Für uns als Individuen ist es wesentlich, mit anderen Menschen im Kontakt zu sein. Aber auch als Gesellschaft ist es wichtig, dass wir voneinander wissen, dass wir uns begegnen und miteinander reden. Wo trefft ihr andere Menschen? Gibt es Orte, die ihr gerne besucht, Treffpunkte in eurem Dorf oder Stadtteil oder temporäre Treffen? Wo finden gemeinsame Aktivitäten statt? Gibt es Räume, um kreativ zu sein oder nur einfach zu sein?
Wie behandelt ihr das Thema Geschichte im Freilerner-Alltag? Welche Ressourcen nutzt ihr, welche Projekte interessieren die jungen Menschen in eurem Umfeld und wie kann man sicher stellen, dass Geschichte nicht einseitig berichtet wird, sondern möglichst alle relevanten Perspektiven abgebildet werden (z.B. zur deutschen Kolonialgeschichte)? Und wie kann Vergangenes so vermittelt werden, dass es nicht nur theoretisches Wissen ist, sondern auch erfühlbar und erlebbar wird?Und werden bei euch im Umfeld auch Geschichten erzählt oder geht diese uralte menschliche Kunst im digitalen Zeitalter zunehmend verloren? Wer erzählt oder schreibt gerne Geschichten und welche Ressourcen helfen euch dabei? Geschichten können heilsam sein, die emotionale Intelligenz fördern und Verbindung schaffen. Wie zeigt sich dies im Alltag? Und welche interessanten Erfahrungen werden sonst noch gemacht?
Nicht alle jungen Menschen fühlen sich in Schulen wohl und lernen dort am besten. Für diese Ausgabe wollen wir Ideen sammeln, wie wir uns eine Legalisierung von Freilernen/selbstbestimmter Bildung wünschen und vorstellen können. Ebenso sollen auch Menschen zu Wort kommen, die Bedenken gegen eine Abschaffung der Schulpflicht haben.
Auch von freien Schulen würden wir gerne erfahren, welche Vorteile eine Umwandlung der Schulpflicht in ein Recht auf Bildung für sie hätte und wie sie sich dessen konkrete Umsetzung wünschen würden?
Die Erfahrung von Selbstwirksamkeit zu machen und Demokratie in der Praxis zu erlernen, ist für alle jungen Menschen wichtig, aber mit Schulzwang und starren Lehrplänen nur begrenzt umsetzbar. Deshalb freuen wir uns auch über Beiträge von Menschen und Gruppen, die sich insgesamt für mehr Demokratie einsetzen, insbesondere auch Lehrer*innen und Schülervertreter*innen.
Geld spielt für uns alle im Leben eine wichtige Rolle, auch wenn wir das oft lieber anders hätten. Wie können wir es uns leisten, unsere Kinder zuhause zu betreuen und lernen zu lassen? Wie kommen junge Menschen mit Geld in Kontakt und lernen damit umzugehen – sei es als Geschenk, regelmäßiges Taschengeld oder selbst verdient? Was bedeutet Geld für mich persönlich? Und welche Rolle nimmt Geld in der Gesellschaft ein? Welche Möglichkeiten gibt es, auch anders zu wirtschaften? Wie können post-kapitalistische Ansätze in der Praxis aussehen? Was können wir von der Natur über Austausch und Kreisläufe lernen? Wie stellen wir uns eine Ökonomie der Zukunft vor?
Wie sieht die Situation für Freilerner außerhalb von Deutschland aus? Welche Möglichkeiten und Gesetze gibt es in den verschiedenen Ländern und wie werden diese praktisch gehandhabt und umgesetzt? Gibt es auch Länder, in denen es staatliche Unterstützung für Freilerner gibt? Und wie sieht es mit lokalen Angeboten und den Möglichkeiten zur Vernetzung aus?
Wie sieht die Situation für Freilerner außerhalb von Deutschland aus? Welche Möglichkeiten und Gesetze gibt es in den verschiedenen Ländern und wie werden diese praktisch gehandhabt und umgesetzt? Gibt es auch Länder, in denen es staatliche Unterstützung für Freilerner gibt? Und wie sieht es mit lokalen Angeboten und den Möglichkeiten zur Vernetzung aus?
Kommunikation ist die Basis der Verständigung untereinander. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten sich auszutauschen: über gesprochene oder geschriebene Worte, über Gesten, Blicke, Körpersprache… Was trägt dazu bei, um sich gegenseitig wirklich zu verstehen? Warum entstehen Missverständnisse und
Konflikte und wie können wir sie lösen? Wie authentisch kann Kommunikation in den digitalen Medien sein? Wie läuft die Kommunikation mit unserer nicht-menschlichen Umwelt ab?
Wie lernen junge Menschen zu kommunizieren und wie können wir sie dabei bestmöglichst begleiten?
Es gibt so viele Möglichkeiten sich mit dem Thema Wasser und
Land auseinander zu setzen, denn es berührt unzählige Aspekte: ökologische, soziale, geologische, biologische u.v.m. Die Vielfalt von Leben im Wasser und an Land entdecken – sehen, erfahren, forschen, sich Wissen aneignen oder kreativ ausdrücken mit Sprache, Musik, künstlerischem Gestalten. Die Bedeutung von Wasser und Land für unser Leben erkennen – sich mit Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit beschäftigen. Es geht um das Lernen in Zusammenhängen, fächerübergreifend, ganzheitlich
und mit allen Sinnen. Texte, Bilder, Fotos, Spielideen, Buchempfehlungen u.a. zum Thema.
Wie können Strukturen und Entscheidungsprozesse gestaltet sein, damit sowohl gemeinschaftliches Zusammenleben und Partizipation als auch ein möglichst selbstbestimmtes Leben möglich sind? Welchen Rahmen braucht die freie Entfaltung von Menschen in Familien, in Gruppen, in Schulen, in der Gesellschaft? Was ist nötig für ein gutes Leben für alle? Wo gibt es
Widersprüche, durch was wird es möglicherweise gefährdet und wie kann es geschützt werden? Was schafft Freiräume und Möglichkeiten für alle? Welche positiven Beispiele gibt es?
Was verstehst du unter Kreativität? Was ist Kunst? Wo fängt Kunst an und wie wird Kreativität hier eingeflochten? Ist Kunst immer kreativ und ist Kreativität immer Kunst? Wo findet Kreativität statt? Und wann? Woraus, also aus welcher Quelle, schöpfe ich? Und wie? Passiert dies zu bestimmten Zeiten? An bestimmten Orten? Mit bestimmten Menschen? Unter bestimmten Einflüssen? Helfen Rituale, Zeremonien oder Elemente mir dort hin, wo für mich der kreative Fluss beginnt aus mir heraus zu strömen? Welche Freiheiten brauche ich für die Kreativität? Welche Freiheiten erhalte ich durch das kreativsein? Wofür ist Kreativität gut? Wo ist Kreativität nützlich und sinnvoll – auch gerade für junge Menschen, deren Entwicklung und Zukunft? Ist nicht jeder Mensch, jedes Menschenkind, ein*e Schöpfer*in, ein*e Kreator*in?
Wie geht es weiter, wenn junge Menschen älter werden und auch beruflich selbständig sein wollen? Welche Möglichkeiten gibt es, Schulabschlüsse zu machen, und was ist auch ohne einen
Abschluss möglich? Welche Wege gehen Menschen, die ohne Schule aufgewachsen sind? Wie entwickeln sich Berufswege im Allgemeinen? Auch immer mehr Menschen mit Schulabschlüssen
gehen eigene Wege, bei denen ihre Abschlüsse kaum mehr eine Rolle spielen. Wie wird die Zukunft der Berufswahl und -gestaltung aussehen? Wo finden wir Inspiration, Ermutigung oder auch Beratung, um den eigenen Weg zu finden?
Vor kurzem habe ich eine deutsche Reisende kennengelernt, mit der sich ein sehr angeregtes Gespräch über das natürliche und selbstbestimmte Lernen ergeben hat. Sie arbeitet momentan als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache in einer Willkommens-Klasse an einer Schule in Deutschland; sie kennt die negativen Seiten des Systems und ist individuellem Lernen gegenüber sehr aufgeschlossen. In diesem Gespräch sagte sie etwas, das mich nachdenklich machte – sie sagte: »Ich glaube hier, so mitten in der Natur, gibt es die besten Voraussetzungen für das Freilernen, in der grauen Stadt gibt es viel weniger zu entdecken und zu lernen im Alltagsleben.«
Mich erstaunte diese Aussage ziemlich, vor allem, weil es mitten in einer Phase war, in der mir unsere Umgebung extrem eintönig und langweilig vorkam und ich mir sehnlichst mehr Möglichkeiten für unsere Kinder wünschte.
An dieser Stelle sollte ich wahrscheinlich erst einmal beschreiben wo wir wohnen: Wir leben seit ca. 3 Jahren auf der Insel Bastimentos im Archipelago Bocas del Toro, vor der westlichen Karibikküste Panamas gelegen. Hier ist die Heimat meines Mannes und nach einigen gemeinsamen Jahren in Deutschland haben wir uns entschlossen hierher (zurück) zu ziehen. Die Insel ist zum allergrößten Teil tropisch dicht bewachsen und es gibt nur ein Dorf, ein paar weitere kleine Häuseransammlungen und keine Autos. Die Hauptinsel ist ca. 10 Minuten mit dem Boot entfernt, dort ist die Infrastruktur von Tourismus geprägt und es gibt hauptsächlich Gästehäuser, Hotels und Restaurants sowie Supermärkte und ein paar wenige Warengeschäfte. In dem Dorf, in dem wir leben, gibt es neben den hölzernen Wohnhäusern noch ein paar Gästehäuser, einfache Restaurants und drei kleine Lebensmittelläden. Wir als Familie betreiben eine kleine Saftbar und Surfbrettverleih und vermieten ein Privatzimmer in unserem Haus sowie ein Ferienhaus. Der Rest der Umgebung ist pure Natur: es gibt wunderschöne Strände, türkisblaues Meer, Dschungel und spannende Tiere. Manchmal gibt es auch tagelang Regen, matschige Trampelpfade, heftige Gewitterstürme, viele Mücken und andere Stech- und Krabbeltierchen – Natur in all ihren Facetten :-).
Was den Wohnort angeht, bin ich immer wieder hin- und hergerissen zwischen dem Leben in der Natur und dem Leben in der Stadt. Ich sehe bei beidem die Vorteile und möchte gerne das Beste aus beiden Welten zusammenbringen. Wir leben aktuell in der Stadt und ich habe fast mein gesamtes Leben in der Stadt verbracht. Aber nach einem Jahr, in dem ich mitten in der Natur gelebt habe, kenne ich auch die schönen Seiten des Lebens auf dem Land.
In der Stadt, und vor allem einer Großstadt, sehe ich viele Vorteile. Zum Beispiel, dass man gerade als alternativ lebender Mensch gut Anschluss finden kann an Gleichgesinnte. Ich höre oft von alternativ eingestellten Menschen, die in kleinen Städten oder auf dem Land leben, dass sie beäugt werden von den häufig konservativ eingestellten Mitmenschen. Oder, dass »selbst wenn« ein respektvoller Umgang herrscht, dennoch der Anschluss fehlt an Gleichgesinnte, mit denen man ganz entspannt reden kann, z. B. über das Freilernen – ohne ausgiebig erklären zu müssen, warum man kritisch gegenüber der Schule eingestellt ist oder warum Vorurteile gegenüber dem Freilernen nun einmal nichts anderes als Vorurteile sind.
»Und wie soll das mit Mathe gehen?«, diese Frage stellte ich mir besonders intensiv, nachdem unsere Söhne sich entschieden hatten, sich nicht mehr weiter in der Schule zu bilden. Meine Antwort darauf war teuer. Nachdem ich an einer freien Alternativschule unterrichtete und selbst Montessori-Materialien einfach toll fand, habe ich für die Beschäftigung mit Mathe damals 2000 DM für Materialien ausgegeben und zusätzlich noch einiges selbst hergestellt. Tja, das war auch so ein Bereich, in dem sich meine Erwartungen nicht mit denen meiner Söhne deckten. Im Laufe von fünf Jahren hat keiner unserer Söhne das Montessorimaterial auch nur angeschaut. M. meinte später dann auch dazu: »Das roch nach Lernen!« Und dazu wollten sie sich einfach nicht drängen lassen bzw. ihre ganz eigenen Wege finden.
Muße, oder: Über die Unterordnung des erlaubten Materialismus unter kapitalistische Notwendigkeiten
Es gab eine Zeit, in der Adel und Klerus als »Klasse der Müßiggänger« 1 bezeichnet wurden. Zu tun und zu lassen, was einem beliebt und sich ganz frei von Notwendigkeiten allein privaten Neigungen, Wünschen und Genüssen hinzugeben, kurz: seinen Materialismus zu leben, so etwas wird nur dann zum Etikett einer ganzen »Klasse«, wenn in der Gesellschaft andere »Klassen« dazu genötigt sind, nicht nur für den eigenen Lebensunterhalt, sondern zugleich noch für den der »Müßiggänger« zu sorgen. Dabei versteht es sich von selbst – die Rede ist ja vom Feudalismus -, dass die Sorge für das leibliche Wohl und für alle materiellen Voraussetzungen sonstiger mehr oder weniger blöder Neigungen der hohen Herrschaften den dienstbaren Geistern der Gesellschaft wenig Zeit ließ, für sich selbst und die Seinen erstens anständig zu sorgen und zweitens dabei noch freie Zeit für eigene »Muße« zu erübrigen – vom Kirchgang, erzwungen mit der Androhung jenseitiger Scheußlichkeiten durch die klerikale Abteilung der »Müßiggänger«, einmal abgesehen. Und jede noch so elementare Weiterentwicklung der Produktivkräfte, die an sich eine Sorte Teilung der Lebenszeit in Arbeitszeit und freie Zeit für jedermann erlaubt hätte, bei der die Arbeit nicht das Leben auffrisst, sondern eine Zeit der Muße für alle ermöglicht, wäre unter den feudalen Verhältnissen ohnehin nur der herrschenden »Klasse der Müßiggänger« zu Gute gekommen.
Ob diese Bezeichnung von Henri de Saint-Simon eine korrekte Bestimmung oder nur eine Polemik darstellt, ist für mich erst einmal nicht von Interesse. Auf jeden Fall trifft sie einen, nämlich den angesprochenen Gesichtspunkt des parasitären Daseins dieser »Klasse«. ↩
Ihr Beitrag in der letzten Ausgabe vom „Freilerner“ hat mich sehr angesprochen: Ich konnte darin vieles sehr genau beschrieben wiederfinden, das sich mit meinen persönlichen Erfahrungen im Bereich der Schulkritik, der ich mich als Philosoph seit etwa fünfzig Jahren intensiv widme, deckt und worüber ich auch schon hatte kritisch nachdenken können. Solchermaßen dankbar für die positive Anregung, möchte ich drei Punkte aufgreifen und erörtern:
Wie steht es in Bezug auf Schulkritik mit der politischen Aktion (oder dem Aktionismus? oder der Agitation?)
(Nur) Begriffliche Mißverständnisse?
Perspektiven?
1. Das Anführen des Politischen ruft fast selbstverständlich nach der Frage der Führung, nach der einige der schulkritischen Menschen offensichtlich „gieren“. Unter den diversen Färbungen dieser Führung können wir, einer allzu billigen Pauschalierung entgegenwirkend, unterscheiden zwischen
der politischen Führung, welche die Gefahr rechtskonservativer bis faschistoider Positionen birgt;
der (pseudo?-)esoterisch daherkommenden Führung, welcher die Gefahr innewohnt, daß manche Menschen darin eine Zuflucht suchen; wie auch immer sie ihr Handeln somit begründen wollen, sind sie hierbei vor verschiedenen Abstrusitäten nicht gefeit; der ideologischen, religiös-missionarischen Führung, um den Nachwuchs zu den höheren Zielen der Eltern zu (ver-)führen.
Der pädagogischen Führung in Gestalt einer „(schul-)pädagogischen Reform“; Schulkritik bewegt sich dann zwischen der Larmoyanz über das eigene erzieherische Schicksal und den Vorstellungen, durch welchen Reformversuch („Alternative“) dem Nachwuchs solches Schicksal erspart werden möge.
Nachdem mir pauschale politische, ideologische religiöse oder pädagogische Parolen immer schon suspekt oder unheimlich waren ob der Gefahr, lediglich in Sackgassen zu führen, halte ich mich von allen diesen Tendenzen fern. Deshalb interessiert mich weitaus weniger eine Position entlang der politischen Links-Rechts-Schemata als die Frage der Möglichkeit, hieraus auszubrechen und eine lebenslange Selbstentfaltung des Menschen zu ermöglichen und zu gewährleisten.
Grundsätzlich bin ich nicht gewillt, mich einfach so damit zu arrangieren, was vorgegeben ist. Was nicht zwangsläufig bedeutet, daß ich alles verwerfe. Doch wird alles geprüft, ob es so für mich (noch) stimmt. Ständig. Nach dem zu urteilen, was die meisten Leute laufend von sich geben, sind sie alle unzufrieden damit, wie ihr Leben eingerichtet ist. Trotzdem machen sie weiterhin was vorgegeben ist. Viele Programme sind schon so lange verinnerlicht, daß es sich anfühlt, als seien es natürliche Gegebenheiten, die einfach zum Leben dazugehören. „So ist es eben“, oder „da kann man halt nichts machen“ heißt es dann oft.