Nichtstun als pädagogische Basiskompetenz

Warum wir mehr Muße für das Lernen benötigen

Das Nichtstun als Vorurteil?!

Auf den ersten Blick ist Nichtstun in der Pädagogik negativ besetzt. Man denkt an »Faulenzer«, »Sitzenbleiber« und an so genannte »Taugenichtse«, vor denen uns wohlmeinende Menschen immer warnen. Pädagogik, Bildung und Erziehung sind vielmehr – so die Meinung – dynamische Prozesse, bei denen Educandus und Educand fleißig, strebsam, gehorsam, aktiv und stets bereit zur Höchstleistung zu sein haben – denn schließlich sind »Lehrjahre keine Herrenjahre«. So der Volksmund und eine weit verbreitete Ansicht.

Muße und Nichtstun sollen im Folgenden dagegen als eine pädagogische Grundfunktion, gleichsam als Voraussetzung für gelungene Bildung und Erziehung, definiert werden. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln wird dazu das Nichtstun betrachtet, um anschließend für die Pädagogik ein Resümee zu ziehen.

Kultur ist das Ergebnis von Muße

Müßiggang, Muße und Nichtstun sind Themen, die die Menschheit schon immer beschäftigt haben. Was veranlasste beispielsweise den homo sapiens sapiens vor 30.000 Jahren, vor seiner Höhle zu sitzen und aus Mammutelfenbein Figuren als Kunst- und Kultgegenstände oder Flöten zu schnitzen, für die er über 300 Stunden benötigte? In seinem kurzen Leben von durchschnittlich 30 Lebensjahren ging es also offensichtlich nicht nur um die Jagd und um Nahrungssuche, also ums »tägliche Überleben«. Er hatte auch die Zeit und die Muße, sich der Kunst zu widmen. Seit der Neuzeit wird dieses Phänomen unter dem Begriff Freizeit diskutiert und vor allem im Verhältnis zur Arbeit beschrieben. Hier prägten die Reformation und der Protestantismus im Kontext einer entstehenden kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ein neues Zeit- und Lebensgefühl. Der spirituelle benediktinisch-christliche Grundsatz von der Einheit ora et labora (»bete und arbeite«) aus dem Mittelalter wurde durch einen zweckrationalen technologischen Raum-Zeitbegriff abgelöst. Das Gefühl der Einheit von Zeit und Raum aus dem Mittelalter wurde in der Neuzeit zum Gefühl der Gegensätze. Lebenszeit wird von nun an in öffentliche und verpflichtende (Arbeits-)Zeit und in private (Frei-)Zeit eingeteilt.

Von 1935 stammt das Essay »Lob des Müßiggangs« (Russel 1971) des englischen Philosophen Bertrand Russel , in dem er erklärt, »dass in der heutigen Welt sehr viel Unheil entsteht aus dem Glauben an den überragenden Wert der Arbeit an sich und daß der Weg zu Glück und Wohlfahrt in einer organisierten Arbeitseinschränkung zu sehen ist« (Russel 1971, S. 168). Diese kapitalismuskritische Argumentation von Russel mündete in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in die Debatte um eine Zivil- und Bürgergesellschaft als Revitalisierungsstrategie für demokratische und sozialstaatliche Strukturen angesichts eines neuen »Turbo- und Heuschreckenkapitalismus«. Die Diskussion um die Einführung eines (bedingungslosen) Grundeinkommens (vgl. Netzwerk Grundeinkommen (Hg.) 2009) stellt dabei einen vorläufigen Endpunkt dar.

Der derzeit bekannteste »Vertreter« des Nichtstun ist der 1968 geborene britische Journalist und Literaturwissenschaftler Tom Hodgkinson, der die Zeitschrift The Idler (Der Faulenzer/Müßiggänger) 1993 gründete, entsprechende Internetportale einrichtete und mit seinem Band »How to be idle« ( 2004; dt. Anleitung zum Müßiggang 2005) einen internationalen Bestseller über das Nichtstun schrieb. In einem weiteren Buch, »The idle Parent« – »Leitfaden für faule Eltern« (2009) – beschreibt er den Bildungs-, Erziehungs- und Familienalltag im Horizont des Nichtstun. In einem Interview erläuterte er seinen Grundsatz folgendermaßen: »Die Einstellung, die wir brauchen ist, weniger zu arbeiten, aber auch, weniger Geld auszugeben und mehr Zeit zu Hause zu verbringen« (Hodgkinson 2010, S. 34). D.h., das »zentrale Prinzip besagt, dass Sie Ihr Familienleben einfacher machen können, indem Sie weniger Arbeit reinstecken und weniger Geld ausgeben. Und mehr Zeit damit verbringen, zu Hause zu sitzen und einfach nichts zu machen. Denn das herum hetzen ist anstrengend und teuer« (ebd., S. 33/34).

Ein Grundlagenwerk über das Nichtstun schrieb der Literaturwissenschaftler und Philosoph Ludger Lütkehaus mit dem Titel »Nichts – Abschied vom Sein – Ende der Angst« (1999, 6. Aufl. 2008), in dem er sich kultur- und philosophiegeschichtlich dem »Nichts« nähert und die Frage nach dem »Sein oder Nichtsein« stellt. Seine 766 Seiten umfassende Studie ist der Versuch der Rehabilitation des Nihilismus in der Philosophie angesichts einer turbokapitalistischen Vergesellschaftungsdynamik. Die Studie wird zu einem Plädoyer für Gelassenheit und Widerstand gegen die modernen schöpferischen Erfolgsmythen wie Wachstum, Disziplin und Schnelligkeit. Als Fazit für die Neuzeit stellt er fest: »Überall sind Legionen von Schöpfern am Werk, die das Schaffen und Machen nicht lassen können« (ebd., S. 27). Es geht Lütkehaus um die Auseinandersetzung mit dem Vorurteil westlichen Denkens, nämlich dass das »Nichtsein« etwas prinzipiell Schlechteres als das »Sein« sei. Gegen diese »Seinsfixierung« und »Schöpfungswut« führt er uns durch die Metaphysik der modernen abendländischen Philosophie.

Unser Gehirn braucht Muße

Im 21. Jahrhundert erhält die Debatte um Müßiggang, Muße und Nichtstun durch Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft eine neue Argumentationslinie. Die Medien transportieren Ergebnisse aus der Gehirnforschung publikumsgerecht in die Öffentlichkeit mit Schlagzeilen wie »Muße braucht Zeit« (Ulrich Schnabel 31.12.2009 ZEIT-ONLINE), »Die Wiederentdeckung der Muße« (Ulrich Schnabel 2.1.2010 ZEIT-ONLINE) oder »Nichtstun hilft dem Gedächtnis« (science.ORF. at 28.1. 2010).

Nichtstun ist, neurologisch gesehen, ein aktiver Zustand. Die Gehirnforschung stellt fest, dass das Gehirn auch beim Nichtstun Energie verbraucht. Mehr noch: Es gibt eine Region im Gehirn, die für das Nichtstun zuständig ist – Markus Raichle von der Washington University School of Medicine in St Louis (USA) nennt diese Basisfunktion unseres Gehirns Default Network, also »Leerlauf-Netzwerk«. Es wird angenommen, dass dieser Leerlaufmodus – über den man jedoch noch längst nicht alles weiß – gleichsam die neurologische Grundlage für Müßiggang und Muße des Menschen darstellt.

Das Nichtstun hat – so eine andere Erkenntnis der Neurowissenschaftler Lila Davachi und Arielle Tambini von der Universität New York – eine ähnliche Funktion wie der Schlaf. Das Gehirn scheint dabei das zuvor Gesehene, Gehörte und Erlebte aufzuarbeiten und zu speichern. Es arbeitet also, während wir scheinbar faul sind, Müßiggang betreiben oder einfach Nichtstun. Schlaf und Nichtstun haben dieselbe Funktion.

Nichtstun unterstützt also, so die Neurowissenschaft, Gedächtnis- und Lernleistungen und erhält, lernpsychologisch gesehen, eine wichtige didaktische Rolle. Ähnlich dem Schlafdefizit, das zu einem Denkdefizit führt (Medina 2009, S. 182 ff.), ist vorstellbar, dass auch ein zu wenig an Nichtstun zu einer Denkblockade führt. Lernpsychologisch gesehen heißt dies: Wir müssen auch Nichtstun, damit wir lernen können?

Unser Alltag braucht Muße

Das Nichtstun hat bereits seit längerer Zeit auch Eingang in die Ratgeberliteratur und Lebensberatung gefunden und gehört – über Techniken wie Autogenes Training oder Yoga – seit Jahrzehnten zum Repertoire der Erwachsenenbildung an Volkshochschulen oder in kirchlichen Bildungseinrichtungen. Im Zusammenhang mit dem Regelkreis »Stress – Entspannung – Nichtstun« hat sich ein Gesundheitsmarkt entwickelt, der über ein hohes Innovationspotential verfügt und sich durch eine starke Wachstumsdynamik auszeichnet.

Es geht dabei schon längst nicht mehr nur um besondere Techniken zur Entspannung oder Stressbekämpfung. Es hat sich gleichsam eine Philosophie und Lebenseinstellung herausgebildet, die die kreativen und ethischen Potentiale des Nichtstuns für den Alltag nutzt. Die Schnittstelle zu einem östlichen Denken und zu esoterischen Orientierungen ist dabei stellenweise sehr groß.

Exemplarisch für die populäre Ratgeberliteratur sei hier der internationale Bestseller des Pfarrers Werner Tiki Küstenmacher und des Trainers Lothar J. Seiwert, »Simplify your life«, genannt, der eine Bewegung zur »Vereinfachung« des Lebens auslöste (Küstenmacher/ Seiwert 2002). Dieser Ratgeber wurde in 20 Sprachen übersetzt und über zwei Millionen Mal verkauft. Küstenmacher und seine Frau Marion sprechen in dem Folgeband « Simplify your life – Endlich mehr Zeit haben« (Küstenmacher, M. u. W. T. 2004) von der »Kunst des Nichtstun«: »Damit Ihr Leben aber wirklich wieder einfacher und glücklicher wird, sollten Sie ihm eine wichtige Zutat gönnen, die die meisten Menschen übersehen: das Nichts. Ihr Leben braucht nicht mehr von irgendetwas, ja nicht einmal weniger von irgendetwas. Sie müssen weder etwas bekommen noch brauchen Sie etwas abzugeben. Sie sollten nur endlich einmal genau in der Mitte verweilen: im Nichts« (ebd., S. 37-38). In einfachen Worten, die das stressgeplagte Lebensgefühl der Menschen widerspiegeln, plädieren sie für ein Leben mit dem Nichts: »Ein Mensch ohne Nichtstun ist wie ein Flugzeug, bei dem alle Navigationsinstrumente entfernt wurden, damit mehr Platz für Treibstoff ist«. (ebd., S. 38).

Wenn »Zeit« zu einem Problem wird

Ein weiterer Aspekt der Auseinandersetzung mit Muße und Nichtstun ist die »Zeit«. Die Zeitforschung ist eine noch rechte junge Disziplin. Ausgangspunkt ist, ganz allgemein gesprochen, die »Krise der Zeiterfahrung« und ein Aspekt der so genannten Post-Moderne oder Weltgesellschaft. Dies führte in den 1980er Jahren zu einer »Wiederentdeckung der Zeit« (Gimmler/Sandbothe/Zimmerli (Hg.) 1997) in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Die Angst, die »Dimension Zeit« nicht mehr zu beherrschen, animiert zu neuen Erkundungen und Alternativen. Dieser Diskurs wird seit einigen Jahren unter dem Aspekt der Zeitökologie oder »Ökologie der Zeit« (Held/Geißler 2000) und dem Label der »Entschleunigung« (Reheis 2003) bzw. der »Kreativität der Langsamkeit« (Reheis 1996) geführt.

Wir befinden uns, so der Zeitforscher Fritz Reheis, in einer »Beschleunigungsfalle« (Reheis 2003, S. 12) und üben dabei Raubbau an der Natur, Kultur, Ökonomie und an unserer Gesundheit. Die »Grenzen des Wachstums«, von denen 1972 der Club of Rome sprach (Meadows u.a. 1972), haben nicht nur den physischen Raum erreicht, sondern auch die Zeit, in der wir leben. Wir sind dabei wieder bei Paul Lafargue und seinem »Recht auf Faulheit« von 1880 angelangt. Lafargue hatte seine Schrift als Kritik am Kapitalismus und dem Verhältnis von Arbeitszeit und Freizeit verstanden. Heute stehen wir an demselben Punkt: Das Quartalsdenken der internationalen börsennotierten Konzerne und die »Heuschreckenmentalität« von Banken und PrivateEquity-Investoren treiben Menschen vor sich her und machen sie entweder zu »Gewinnern« oder zu so genannten »Hartz IV-Empfängern«. Eine Zwischenlösung, also einfach »normal« leben zu können, scheint immer schwieriger zu werden.

Nichtstun als pädagogische Dimension

Die klassische Pädagogik geht davon aus, dass es das Nichts in der Pädagogik nicht gibt, da das Nichts – pädagogisch gesehen – zu nichts führt. Pädagogik ist immer Aktivität. In diesem Sinne wurden vor ca. 5000 Jahren die ersten Schulen in den ägyptischen und sumerischen Hochkulturen gegründet. Bis heute ist dieses »Prinzip Schule« beibehalten worden und hat die kulturelle Evolution als institutionelle Konstante begleitet. Das Nichtstun hat in unseren Bildungs- und Erziehungsinstitutionen bislang keinen Platz und ist auf ein kollektives Nichtstun in den Schul-Pausen begrenzt.
Das Nichtstun hat in der deutschen Pädagogik also keine Tradition. Und auch die pädagogische Geschichtsschreibung bietet keine Diskussion darüber. Das Nichtstun scheint ein Nicht-Thema in der Pädagogik zu sein. Und trotzdem finden wir Spuren!

Wenn wir die Kategorie des Nichtstun in die Pädagogik einführen, dann muss dies auf mehreren Ebenen geschehen: Methodisch, didaktisch, lernpsychologisch, institutionell und bildungspolitisch.

Am häufigsten sind lerntheoretische sowie methodisch-didaktische Begründungen für das Nichtstun in der pädagogischen Literatur zu finden. Die Stress- und Schlafforschung sowie neurologische Erkenntnisse bestätigen die pädagogisch wertvolle Funktion des Nichtstuns. Effektives und effizientes Lernen findet ohne Nichtstun nicht statt. Pausen, Entspannung und Müßiggang haben eine große Bedeutung für aktives Lernen, d.h. für die aktive Aufnahme und Verarbeitung von (neuen) Inhalten. Die Lernpsychologie kennt diese fördernde Funktion des Nichtstuns und der Pausen seit vielen Jahren und betont ihren Erholungswert immer wieder (vgl. Schräder-Naef 21. Aufl. 2008; Kugemann/Gasch 18. Aufl. 2003; Metzig/Schuster 6. Aufl. 2003).

Ein Problem bei der Begründung des Nichtstuns in der Pädagogik ist jedoch die fehlende kategoriale Verortung im System von Bildung und Erziehung. Pädagogisches Handeln wird ständig ohne die Kategorie Nichtstun definiert. Der Erziehungswissenschaftler Hermann Giesecke unterscheidet beispielsweise fünf Grundformen pädagogischen Handels (Giesecke 2000): Unterrichten, informieren, beraten, arrangieren und animieren. Pädagogisches Handeln ist dabei eine Form des sozialen Handelns und hat als oberstes Ziel, Lernen zu ermöglichen. Diese fünf Grundformen sind alle Aktivitäten des Tuns. Die Aktivität des Nichtstuns wird ausgeklammert. Dies hängt offensichtlich damit zusammen, dass Giesecke bei diesen fünf Grundformen immer professionelle PädagogInnen vor Augen hat, die »planmäßig und zielorientiert vorgehen« (Giesecke 2000, S. 76). Diese Erziehungs- und Bildungskategorien werden aus der Sicht pädagogischer Berufstätigkeit begründet und sind gleichsam auch berufspolitische Legitimationen – und dienen der Professionalisierung des Lehrerberufs. Da passt das Nichtstun als Grundkategorie nicht hinein. Wendet man den Blick jedoch hin zu einem Subjektbezug, d.h. weg vom »Lehren« der professionellen PädagogInnen und hin zum »Lernen« der Menschen, dann werden andere Kategorien notwendig. Dieser Perspektivenwechsel führt seit vielen Jahren zu intensiven und mehr oder weniger nachhaltigen Diskussionen in Richtung »Wandel der Lernkultur« (siehe Kahl 2006).

Als pädagogische Grundform und Dimension bedeutet Nichtstun Selbständigkeit und Autonomie – oder, wie die Montessori-Pädagogik es formuliert, »Kinder kennen ihren Weg«. Das Nichtstun erfordert einen pädagogischen Optimismus als Grundeinstellung sowie Ermöglichungsorte für Selbstorganisation und Selbstreferenz. Nichtstun bedeutet eine pädagogische Individualisierung hinsichtlich Zeit, Raum und Inhalt. Kollisionen mit den von Giesecke genannten pädagogischen Grundformen pädagogischen Handelns – unterrichten, informieren, beraten, arrangieren und animieren – sind vorprogrammiert.

Bildungspolitisch wird das Nichtstun damit auch ein Problem. Die bestehenden Bildungseinrichtungen wie Kindergärten, Schulen oder Hochschulen sind Einrichtungen, die auf Tätigkeit und Betriebsamkeit ausgerichtet sind. Sie sind nach dem Grundsatz von Effizienz und Effektivität von Lernen entwickelt worden und sind nur dann erfolgreich, wenn sie auch entsprechend genutzt werden. Die Didaktik geht von Lehrplänen als Bezugspunkte aus. Der Lernende ist nachrangig. Im Sinne eines Wandels der Lernkultur ist das Nichtstun als pädagogische Handlungsform eher mit Mathetik als mit Didaktik zu beschreiben. Den Begriff der Mathetik verwendete Hartmut von Hentig bei seinem Gutachten zur Freien Schule Frankfurt und meint damit den »Verzicht auf eine systematische, durchrationalisierte und kollektive Belehrung« (v. Hentig 1985, S. 80). Der Pädagoge hat die Aufgabe, einen Erfahrungsraum (»Vorbereitete Umgebung« bei der Montessori-Pädagogik) zu ermöglichen, der Selbstorganisation und Selbstreferenz fördert.

Es wird schwierig werden, in den vorhandenen Bildungsinstitutionen Elemente des Nichtstuns als pädagogische Handlungsform umzusetzen – außer einer ritualisierten Pausenkultur. Im Sinne des Nichtstuns müssten Institutionen

  • zeitlich flexibler werden, d.h. wegkommen von dem Dreiviertel-Stunden-Takt und den genormten Pausen;
  • die Unwirtlichkeit ihrer Architektur humanisieren, d.h. architektonisch müssen die Schulen die Kasernenstruktur auflösen und unterschiedliche Räume innerhalb und außerhalb von Gebäuden in unterschiedlicher Größe und Ausstattung anbieten: Begegnungsräume, Arbeitsräume, Ruheräume, Bewegungsräume, Selbstlernräume;
  • selbstorganisierte Lernpläne ermöglichen, d.h. eine Individualisierung der Inhalte entsprechend Neigung und Zeit;
  • ein Bewertungssystem entwickeln, dass das Nichtstun als Bewertungskategorie umfasst.

Die Verankerung des Nichtstuns in der Pädagogik entspricht einem Perspektivenwechsel, der an vielen Stellen und in anderen Kontexten in den letzten Jahren bereits vorbereitet wurde (Konstruktivismus-Debatte, Diskurs um einen Wandel der Lernkultur, Subjektorientierung in der Lernpsychologie, PISA-Reformen).

Die philosophische Diskussion um das Nichts (Lütkehaus) macht aber auch deutlich, dass es um mehr geht als »nur« um eine methodisch-didaktische oder institutionelle Neuorientierung. Wir stoßen beim Nachdenken über das Nichtstun als Grundform pädagogischen Handels an die Grenzen unserer abendländischen Identität. Wir treten in einen Diskurs ein, der die Moderne und unser Fortschrittsdenken in Frage stellt. Wir stoßen auf anthropologische und metaphysische Fragestellungen in der Pädagogik, die uns angesichts der Euphorie für die empirische Bildungsforschung und Managementfragen so fremd geworden sind.

Vielleicht können wir den Diskurs um das Nichtstun in der Pädagogik auch als Chance nutzen, um uns wieder stärker mit dem Pädagogischen in der Pädagogik zu beschäftigen und uns die Frage stellen, wie wir Alltag, Lernen und Bildung besser verbinden können.

 

Ulrich Klemm

Nr_69

Der Artikel ist 2016 in Heft 69 – Muße erschienen.

Ulrich Klemm promovierte über den Freiheitsbegriff in der (libertären) Pädagogik, ist Honorarprofessor für Erwachsenenbildung an der Universität Augsburg, Geschäftsführer des Sächsischen Volkshochschulverbandes, im wissenschaftlichen Beirat der Sudbury Schule Ammersee und als Lehrbeauftragter an der PH Weingarten in der Lehrerausbildung tätig – und glücklicher Vater von vier Kindern.
Ulrich Klemm promovierte über den Freiheitsbegriff in der (libertären) Pädagogik, ist Honorarprofessor für Erwachsenenbildung an der Universität Augsburg, Geschäftsführer des Sächsischen Volkshochschulverbandes, im wissenschaftlichen Beirat der Sudbury Schule Ammersee und als Lehrbeauftragter an der PH Weingarten in der Lehrerausbildung tätig – und glücklicher Vater von vier Kindern.

Literatur

Döring, K. W.: Handbuch Lehren und Trainieren in der Weiterbildung. Weinheim/Basel 2008


Giesecke, H.: Pädagogik als Beruf. Weinheim/München 7. Aufl. 2000


Gimmler, A./Sandbothe, M./Zimmerli, W. Ch. (Hg.): Die Wiederentdeckung der Zeit. Darmstadt 1997


Held, M./Geißler, Kh. A. (Hg.): Ökologie der Zeit. Stuttgart 2000


von Hentig, H.: Wie frei sind freie Schulen? Stuttgart 1985


Hodgkinson, T.: Anleitung zum Müßiggang. Berlin 2004, 8. Aufl. 2009


Hodgkinson, T.: Leitfaden für faule Eltern. Berlin 2009


Hodgkinson, T.: Tut! Euch! Zusammen! Interview mit Tom Hodgkinson. In: unerzogen, 1/2010, S. 33-36


Kahl, R.: Treibhäuser der Zukunft. Wie in Deutschland Schulen gelingen. Hamburg 2006


Küstenmacher, M. u. W. T.: simplify your life. Endlich mehr Zeit haben. Frankfurt/New York 2004


Küstenmacher, W. T./Seiwert, L. J.: simplify your life. Einfacher und glücklicher leben. Frankfurt/New York 15. Aufl. 2009


Kugelmann, W. F./Gasch, B.: Lerntechniken für Erwachsene.  Reinbek 18. Aufl. 2003


Lafargue, P.: Das Recht auf Faulheit & Persönliche Erinnerungen an Karl Marx. Frankfurt/M. 1969


Lütkehaus, L.: Nichts. Abschied vom Sein – Ende der Angst. Frankfurt 6. Aufl. 2008


Meadows, D. u.a.: Die Grenzen des Wachstums. Stuttgart 1972


Medina, J.: Gehirn und Erfolg. 12 Regeln für Schule, Beruf und Alltag. Heidelberg 2009, engl. 2008


Metzig, W./Schuster, M.: Lernen zu lernen. 6., verbesserte Aufl. 2003


Netzwerk Grundeinkommen (Hg.): Kleines ABC des bedingungslosen Grundeinkommens. Neu-Ulm 2009


Reheis, F.: Die Kreativität der Langsamkeit. Neuer Wohlstand durch Entschleunigung. Darmstadt 1996, 2. Aufl. 1998


Reheis, F.: Entschleunigung. München 2003


Russel, B.: Lob des Müßiggangs (1935). In: B. Russel: Philosophische und politische Aufsätze. Hrsg. von U. Steinvorth. Stuttgart 1971, S. 166-182


Schräder-Naef, R.: Rationeller Lernen lernen. Augsburg 21. Aufl. 2008


Wilber, K. (Hg.): Das holographische Weltbild. Bern 2. Aufl. 1986