Uniartcity – die selbstbestimmte Hochschule

Text: Nina Downer im Interview mit Simon Marian Hoffmann, Ausgabe Nr. 105

Wie kam es zur Entwicklung des Konzepts der Uniartcity und was sind dessen Grundprinzipien?

Als Verein Demokratische Stimme der Jugend e.V. beschäftigen wir uns seit beinahe 10 Jahren mit der Frage: Wie kann Bildung jugendgerechter, selbstbestimmter und freier werden? So entstand 2017 der Bildungsgang – eine Kampagne von Jugendlichen organisiert, die für mehr Mitbestimmung der Jugend in der Bildungslandschaft eintrat. Daraus ist eine Filmdokumentation Bildungsgang entstanden, die 2023 in über 60 Städten im Kino lief und die Idee des Bildungsbriefs erstmals der Gesellschaft vorstellte.

Der Bildungsbrief ist ein innovativer neuer Abschluss für Bildungsprozesse und basiert auf Selbstbestimmung. Er dokumentiert dein eigenes Curriculum und macht deinen Bildungsprozess sichtbar. Um den Bildungsbrief zu erforschen, ist 2019 ein eigener Studiengang entstanden „selbstbestimmt studieren”, mit dem wir 5 Jahre lang frei geforscht haben, wie selbstbestimmte Bildung im akademischen Kontext funktionieren kann. Da ging es um „Philosophie und Gesellschaftsgestaltung”. Gleichzeitig ist uns klar geworden, dass wir jungen Menschen neben einem neuen Abschluss auch freie Räume für unsere Forschung brauchen. Also haben wir uns auf die Suche gemacht nach Räumen, in denen junge Menschen ihren Fragen nachgehen, ihre Ideen entwickeln und ihren Träumen folgen können. So entstand die Idee der Uniartcity! Die selbstbestimmte Hochschule, die von den Studierenden selbst gestaltet wird. Uni steht darin für die Forschung im gesamten Spektrum des Universums. Art steht für den formfreien Ausdruck des Erforschten und Gelernten, also dein Bildungsbrief-Studium. City steht für den Ort der Vielfalt, Begegnung und des kulturellen Austauschs.

Von 2017 bis 2022 sind wir viel unterwegs gewesen und haben Experimente gemacht, wie solche selbstbestimmten Jugendräume funktionieren können und was es dafür braucht. Wir haben mehrere Plätze, Orte und Gebäude ausprobiert sowie mit verschiedenen Formaten gearbeitet. 2022 haben wir dann eine Einladung aus der Zukunftwerkstatt Schloss Tempelhof bekommen, auf dem angrenzenden Gelände dort weiter zu forschen.

Ist dort dann das Flow Valley entstanden?

Ja, genau. Das Flow Valley ist der Standort der ersten Uniartcity der Welt. Das ist ein Wiesen-Gelände in der Natur, auf dem wir weitere Naturbauten errichtet haben. Hier auf dem Gelände stehen inzwischen mehr als 12 Gebäude wie Tinyhäuser, Jurten, Bauwägen, Zelte, Mandala-Pavillions, Micro-Häuser und weitere künstlerische Naturbauten. Das Flow Valley hat seinen Namen als Anspielung auf das Silicon Valley bekommen. Denn in den USA gibt das Silicon Valley heute weltweit die technokratischen Visionen des Transhumanismus wieder, mit dem Fokus auf der Forschung mit künstlicher Intelligenz (AI) und Technik. Im Flow Valley dagegen geht es um die Forschung der natürlichen Intelligenz (NI) und dem Menschen innewohnende Techniken und Fähigkeiten wie Kreativität, Umgang mit Gefühlen, Wahrnehmung, Intuition und Meditation. Hier erforschen wir die Beziehungskultur des Menschen – mit uns selbst, mit anderen, der Gruppe und unserem größeren Umfeld – als Basis von selbstbestimmter Bildung. Der naturnahe Campus der Uniartcity of Flow Valley erlaubt es den Studierenden, sich in den Übergängen der Jahreszeiten zu erleben und mit den Rhythmen der Natur zu arbeiten.

Wie ist die erste Testphase verlaufen? Was hat euch glücklich gemacht, herausgefordert und wo habt ihr Überraschungen erlebt?

Der erste Testlauf fand bereits 2024 in der Uniartcity of Flow Valley mit 10 Bildungsbrief-Studierenden statt. Das war ganz schön herausfordernd, vor allem weil wir als damals noch zweiköpfige Projektleitung unsere ganzen Aufgaben koordinieren, die Kultur von Flow Valley aufbauen und parallel die persönlichen Bildungsbriefprozesse der Studierenden betreuen mussten. Da haben wir alle Formate, Skizzen, Kulturgüter und Forschungen der letzten Jahre als gesamtes Kulturkonzept getestet, weiterentwickelt und überraschende Ergebnisse gesammelt. Glücklich hat uns vor allem gemacht, dass unsere Kulturgestaltung immer wieder, und auch mehrere Monate am Stück, funktioniert und zu sicheren Räumen für die aktuellen jugendlichen Bedürfnisse und deren Sensibilität führt. Wir sind ganz vorne in der Forschung von hochsensiblen Kulturräumen, in denen gemeinschaftlich neue Erfahrungen gesammelt werden können. In der Begleitung der persönlichen Bildungsbriefprozesse konnten wir in dem ersten Jahrgang nicht allen immer das bieten, was sie gebraucht hätten. Das läuft aber bereits 2025 schon wesentlich besser. Die große Überraschung für uns war, wie viele junge Menschen und ältere Menschen die Konzepte der Uniartcity und des Bildungsbriefs feiern und mitmachen wollen.

Ende April ist das Semester 2025 gestartet. Wie viele Teilnehmenden sind mit dabei, wie verläuft das Kennenlernen und haben sich alle schon konkrete Lernthemen ausgesucht oder sind einige noch auf der Suche bzw. Entdeckungsreise? 

Dieses Jahr sind wir mit 18 Studierenden im Flow Valley gestartet und das war ein Schritt mit vielen Veränderungen. Viel mehr helfende Hände, viel mehr Herausforderungen, unterschiedliche Perspektiven und mehr zu koordinieren. Mit der Projektleitung, welche sich dieses Jahr um Luisa Schmidt erweitert hat, sind wir 21 Studierende. Da kommt jetzt richtig Dynamik auf und das täglich. Gegenseitiges inspirieren, unterstützen und Forschungsgruppen bilden. Wir können viel mehr bauen, noch mehr Formate ausprobieren und die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen. Ja, die ersten 2 Monate waren sehr intensiv, um sich auf das Leben in der Natur und in der Gruppe einzustellen. Dann ging es darum, den Bildungsbrief mit seinen Phasen kennenzulernen und ihn auf den eigenen Tages- und Wochenplan umzusetzen. Manche haben dabei ihre Lernziele total klar herausgefunden, andere sind eher noch in Themengebieten am Forschen und wieder andere haben mehrere Forschungsrichtungen, mit denen sie sich beschäftigen. 

Was ist eure Zukunftsvision für die Uniartcity? Und wie können sich interessierte Menschen einbringen?

Wir haben bereits einen weiteren Standort für eine zweite Uniartcity gefunden und bereiten diesen für das Wintersemester ab Oktober 2025 vor. Das ist die Uniartcity of Flow Forest, die liegt nicht in einem Tal, sondern an einem Waldgrundstück in Bayern gelegen. Hier kann ganzjährig studiert werden, weil der Campus zwei große Wohnhäuser, eine riesige Scheune und Coworking-Container enthält. Hier planen wir den Fokus auf Handwerk, Musik und Medienproduktion sowie Unternehmertum zu legen. Darüber hinaus wollen wir noch weitere Uniartcities aufbauen und sind dafür schon mit Menschen und weiteren Standorten im Austausch. Bereits ab August können sich Studierende für das Wintersemester der Uniartcity of Flow Forest bewerben und ab Herbst dann für das Sommersemester 2026 in der Uniartcity of Flow Valley.

Für weitere Infos, Bewerbung und Kooperation: https://www.uniartcity.org

Dieser Artikel ist 2025 erschienen in Heft 105 – Orte der Begegnung