Widersprüchliche Freiheit

Überlegungen zur politische Dynamik der Freilernerszene

1. Vorbemerkung

Ausgangspunkt dieser Überlegungen war eine Diskussion, die vor kurzem in einer Facebook-Gruppe stattfand. Es ging darum, welche Rolle rechtsorientierte Esoterik und Verschwörungstheorien innerhalb der »Freilerner-Szene« spielen bzw. spielen dürfen. Wer im Verlauf dieser Debatte die Profile bzw. Timelines vieler Beteiligter durchging, fand dort auffällig oft ein ähnliches Set von Interessen: unwissenschaftliche Impfkritik (»Masern gibt es nicht«, AIDS vielleicht auch nicht), extremer Antiamerikanismus (»die USA stehen hinter ISIS«), Pro-Putin-Positionen, Reichsbürger-Ideologie, vermischt mit alternativen Lifestylethemen wie Rohkost, Allergien, Veganismus, Yoga. Die Tatsache, dass auf Facebook immer wieder derartige Beiträge auftauchten, führte zu der Frage: Ist das Zufall? Handelt es sich um den Versuch bestimmter Strömungen, das Thema »Freilernen« strategisch für sich zu vereinnahmen? Oder weist möglicherweise das »Freilernertum« selbst eine inhärente Schlagseite auf, die es für (rechts-)esoterische, verschwörungstheoretisch grundierte Positionen anfällig macht? Um dies zu prüfen, soll hier – über das genannte facebook-Phänomen hinaus – die grundsätzliche Frage nach der politischen Dynamik der Freilerner-»Szene« gestellt werden, ausgehend von der Frage, wie diese Szene historisch-soziologisch überhaupt einzuordnen ist. Wer dies prüfen will, stößt wie alle, die sich mit Freilernern beschäftigen, auf das Problem der schmalen Datenbasis, verschärft durch die Illegalität des schulfreien Lebens in Deutschland; naturgemäß bleibt deshalb das Folgende in vieler Hinsicht lückenhaft und basiert in wissenschaftlich eigentlich unzulässigem Ausmaß auf subjektiven Beobachtungen in den sozialen Netzwerken.

2. »Freilernen« als Neue Soziale Bewegung?

Wer versucht, die »Freilerner« historisch-soziologisch zu verorten, landet rasch bei den sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen (NSB) der 70er Jahre. Beispiele dafür sind die Frauenbewegung, die Umweltbewegung, die Friedens- oder die Schwulenbewegung: Nicht oder nur teilweise hierarchisch organisierte Graswurzelbewegungen, deren zentrales Anliegen gesellschaftliche Veränderung unter, grob gesagt, linksalternativem Vorzeichen war. Nicht zufällig gehörte zu den klassischen NSB auch eine Kinderrechtsbewegung, in deren Kontext die Antipädagogik ebenso gehört wie die Gründung der meisten sogenannten »Kinderläden«. Wer sich mit der Geschichte der NSB befasst, stellt fest, dass diese von vornherein unter einer Spannung zwischen zwei Polen standen: Auf der einen Seite gab es die »orthodoxe« linke, im engeren Sinne politische Ausrichtung mit einer starken Verwurzelung im Marxismus-Leninismus; diesen Pol repräsentierten organisatorisch etwa der SDS, die DKP oder an den Universitäten die K-Gruppen. Auf der anderen Seite befand sich die eher lifestyleorientierte, »hedonistisch-anarchistische« Position, die sich dem Zwang des gesellschaftlichen Mainstreams und dem Korsett der kommunistischen Theorie gleichermaßen zu entziehen suchte. Beide Pole standen miteinander in einem prinzipiell fruchtbaren Widerstreit – bis mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 eine beispiellose Diskreditierung des orthodoxen kommunistischen Gedankenguts einsetzte. Mit dem real existierenden Sozialismus osteuropäischer Prägung kam, wie bald sichtbar wurde, auch der hedonistisch-anarchistischen Linken ein essentieller Bezugspunkt ihrer Gesellschaftskritik abhanden, auf den man sich auch in der Abgrenzung doch immer bezogen hatte. Der Antikapitalismus zersplitterte theoretisch endgültig, und in der Folge blieb auch von den zunehmend entpolitisierten NSB wenig mehr übrig als eine marginalisierte Ansammlung gesellschaftlicher Restmilieus, in denen weniger die politische Theorie als vielmehr der individuelle Lebensstil, der Musikgeschmack, die Wahl von Lieblingsband und Lieblingsdroge über die Ausrichtung der eigenen Aktivitäten bestimmten. Die allgemeine gesellschaftliche Liberalisierung tat ein übrigens, weil sie einen großen Teil der NSB-Anliegen schlicht überflüssig zu machen schien, z.B. im Bereich der Frauenrechte. Übrig blieben als Trümmer der einstmals politischen Bewegungen: Veganismus, Rohkost, Kiffen, Esoterik/Spiritualität, Urban Gardening, Repair Cafés und einige wenige besetzte Häuser, die erfolgreich legalisiert werden konnten – aus der einmal erträumten gesellschaftlichen Befreiung war irgendwie unter der Hand und ohne dass es viele der Beteiligten zunächst merkten, die bloße Ausschmückung des behaglichen linksalternativen Alltags geworden.

Die heutige »Freilerner«-Bewegung gehört, so scheint es, strukturell zu den NSB – und dennoch ist sie ein merkwürdiger Sonderfall: Sie wirkt wie ein verspäteter Nachzügler, ein Überlebender, und zugleich steht sie unter irgendwie verdrehten Vorzeichen. Es geht zwar, wie bei den NSB üblich, um die Durchsetzung von Freiheitsrechten für eine bestimmte Gruppe. Allerdings ist der Fokus des Antikapitalismus dabei nur schwach ausgeprägt – finden sich in den Online-Foren einmal Ansätze zu einer antikapitalistischen Orientierung, gehen sie selten über ein schön layoutetes Illich-Zitat mit drei »Likes« und der Bemerkung »muss ich noch lesen« darunter hinaus. Zugleich sind die Überschneidungen zu den sonstigen heute sichtbaren Relikten der NSB sehr stark: Scrollt man auf Facebook durch die Profile der Gruppenmitglieder, trifft man überdurchschnittlich häufig auf die bereits genannten Stichworte: Rohkost, Spiritualität, Veganismus, Alternativmedizin usw. Oft scheint es dem Betrachter, als seien ein gewisses Quantum Antikapitalismus sowie Schulkritik eigentlich nur Teil eines bunten Straußes alternativer Lebensstile als eigenständige politische Positionen. In dieser spezifischen Mischung – wenig Politik, viel Lifestyle, wenig Theorie, viel Emotion – repräsentiert das Freilernertum, soweit es heute öffentlich (d.h. zumeist: auf Facebook) in Erscheinung tritt, gleichsam die Endstufe der von den NSB durchlaufenen Entwicklung. Auffällig ist dabei jedoch: Die Freilerner-Szene hat, soweit ersichtlich ist, diese Entwicklung überhaupt nicht durchgemacht! Sondern zu dem Zeitpunkt, als sie überhaupt etwas deutlicher in Erscheinung trat, befand sie sich bereits mehr oder weniger in diesem Endstadium, sie kam also, überspitzt gesagt, in genau der Form, in der die NSB zugrunde gegangen waren, erst zur Welt.

Zur Hochzeit der NSB in den 70ern waren die relevanten Stichworte eher: Schulreform bzw. Erneuerung der Pädagogik innerhalb der Institutionen unter antiautoritärem Vorzeichen. Reine Schulverweigerung wäre den meisten Akteuren damals wie eine lachhaft unpolitische Rückzugshaltung vorgekommen. Überhaupt ist gar nicht ersichtlich, dass, nachdem die eigentliche Antipädagogik der 70er Jahre mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden war, eine Freilernerbewegung irgendwie in Deutschland aktiv gewesen wäre. Die wenigen bekannten Fälle aus den 80er Jahren scheinen eben dies: bloße Einzelfälle. Eine Geschichtsschreibung dieser Zwischenzeit (80er und 90er Jahre), bevor die Freilerner-Szene im neuen Jahrtausend stärker sichtbar wurde, ist zwar desiderat. Doch scheint es, als hätte sich die heutige »Szene« keineswegs kontinuierlich aus den Resten der NSB heraus entwickelt, sondern sie tritt wie aus dem Nichts heraus, vielleicht begünstigt durch die neuen Vernetzungsmöglichkeiten im Internet, nach dem Jahr 2000 in Erscheinung. Historisch wäre dann zu vermuten: Die Freilernerbewegung ist gar kein direkter Nachfolger der NSB oder auch nur Bestandteil von deren sonstigen Schwundstufen. Sondern sie ist vielmehr »herausgesprungen« aus einem Vakuum, nämlich aus der unbefriedigenden Situation, in der sich die übriggebliebenen Alternativmilieus Anfang des neuen Jahrtausends befanden: Sie pflegten einen »unangepassten« Lebensstil, jedoch in einer Gesellschaft, die das Unangepasstsein längst zur Regel und Norm erhoben hatte, sie waren antirassistisch in einer Gesellschaft, die dabei war, den Antirassismus zur Staatsräson zu erheben. Die nationalen Befreiungsbewegungen (Nicaragua, Palästina, Kurdistan), auf deren Unterstützung man einst die eigenen Energien und Projektionen gerichtet hatte, waren zerstört oder hatten sich selbst als autoritäre, korrupte Regime erwiesen, der Kommunismus war schon lange tot – es fehlte der Freund, und es fehlte der Feind. Für wen kann man sich in so einer Situation noch einsetzen, ohne zugleich die gewohnte, alternative Lifestyle-Gemütlichkeit aufs Spiel zu setzen? Zum einen für die eigene Gesundheit – daher rührt die historisch ungewöhnlich wichtige Rolle von Ernährungsthemen in der heutigen Alternativszene. Zum anderen für die Kinder. In diesem Fall wäre, historisch-soziologisch gesprochen, die heute (vergleichsweise) stark sichtbare Freilernerbewegung vor allem ein Symptom der Krise, in der sich die von den NSB übrig gebliebenen alternativen Restmilieus seit der deutschen Wiedervereinigung und verstärkt seit der Jahrtausendwende befanden.

3. »Freilerner« zwischen Linkssein und Neoliberalismus

Tatsächlich wirkt das Freilernertum politisch wie ein seltsamer Zwitter. Sein Verhältnis zur (Rest-)Linken ist äußerst kompliziert: Es hat offenkundig starke linksalternative Anteile und ist doch gar kein genuin linker Trend. Innerhalb der linken Szene im engeren Sinne sind Freilerner rar – und umgekehrt gehören zur Freilerner-»Bewegung«, so scheint es, meist politisch isolierte Menschen, die zwar ein starkes Interesse an typischen linken Themen haben, denen die physisch existierenden linken Milieus aber gerade Unbehagen bereiten. Personell scheint die Schnittmenge von Freilernertum auf der einen und politisch aktiver linker Szene auf der anderen Seite sehr klein. Der Weg zum Freilernen verläuft offenbar meist nicht über die übliche linksalternative Sozialisation in der Jugendzeit, sondern im Gegenteil über einen biographischen Einschnitt danach: das Kinderkriegen. Umgekehrt wiederum, aus traditionell linker Sicht, stellt die Schulverweigerung einen Verstoß gegen die wohlbegründete politische Überzeugung dar, dass Befreiung mehr sein muss als bloß individuelle Freiheit zu tun und lassen, was man eben will. Aus dieser Perspektive ist die Freilernerszene in ihrer heutigen Form geradezu das Kind einer Zeit, in der das „anything goes “ längst nicht mehr alternativ, sondern im Gegenteil zur allgemein herrschenden Maxime geworden ist. Freiheit und Knechtschaft scheinen in dieser Zeit schrankenloser Liberalisierung von Wirtschaft und Lebensstilen gar keine Gegensätze mehr, sondern fallen dialektisch in eins. Die „alte“ linke Schulkritik der 70er Jahre, zu der z.B. auch Illich gehört, ging zu Recht noch von der geschlossenen bürgerlichen Gesellschaft als offen autoritärer Struktur aus, und Teil der anzustrebenden Befreiung war die Befreiung der Kinder. Heute hat man es mit einer Gesellschaft zu tun, in der vom alten Bürgertum nur noch kümmerliche Reste übrig sind, jeder darf alles, und „Herrschaft“ sucht sich andere, subtilere Wege. In dieser Hinsicht ist die Schulpflicht ja – ganz anders als zur großen Zeit der NSB – eher ein kümmerliches, fast rührend anachronistisches Relikt alter Zeiten, und zwar, nachdem die Wehrpflicht gefallen ist, fast das einzige seiner Art bzw. sicher das einzige von diesem Kaliber. Darum wird sie, durchaus nicht ganz grundlos, von vielen Linken gegenüber den Freilernern fast noch verbissener verteidigt als vom Rest der Gesellschaft.

Hier ist nun auf die eingangs erwähnte rechtsesoterische Verschwörungsszene zurückzukommen, die ihrerseits offenbar Schnittmengen zum Freilernertum aufweist: Der rechte Verschwörungstheoretiker leidet ebenso wie der orthodoxe Linke daran, dass in einer komplexen Welt voller flacher und nicht mehr klar zu durchschauender Hierarchien der Feind nicht mehr klar identifizierbar ist. Wo alles immer komplizierter, freier und uneindeutiger wird, gibt der Verschwörungstheoretiker eine zwar falsche, wahnhafte, für ihn aber sehr logische Antwort: Die an unserem Elend Schuldigen, der klar identifizierbare Feind, gegen den man vorgehen müsste, ist nicht wirklich abwesend, sondern hat sich nur versteckt, und es gilt, die geheimen Orte aufzuspüren, wo er sitzt: in der CIA, in den Vorstandsetagen der Konzerne, den Chefredaktionen der Lügenpresse… Tatsächlich steckt ein Rest von gesellschaftlicher Wahrheit ja noch in jeder Wahnidee, und hier lautet diese Wahrheit: spätkapitalistische Fragmentierung und Prekarisierung aller Lebensverhältnisse, aus denen sich der Verschwörungstheoretiker in die Sicherheit selbstgebastelter Feindbilder flüchtet. Dass gestandene Linke, die immer gegen alles und jeden opponiert haben, beim Thema Schulpflicht oft so konservativ werden, verblüfft ja viele in Diskussionen – es hat aber seinen einfachen Grund in einer ganz ähnlichen Angst vor dem gesellschaftlichen Zerfall, vor der totalen Unübersichtlichkeit und dem Verlust einer Basis gemeinschaftlicher Verhandlung. Darum verkehren sich beim Thema Schule so viele gewohnte Positionen: Rechte werden zu Freunden der Schulfreiheit (siehe AfD oder das Online-Magazin »eigentümlich frei«), Linke verteidigen die Autorität der Institutionen. Und mitten in dem komplizierten Geflecht dieser sich überkreuzenden, widersprüchlichen Diskurse sitzt nun die Freilernerszene, gleichsam zwischen allen Stühlen. Oder richtiger vielleicht: Sie sitzt auf allzu vielen Stühlen und es bedarf einer dringenden Klärung, welcher der richtige sein könnte.

Hier soll dafür plädiert werden, die linke Skepsis gegenüber dem Freilernertum ernstzunehmen: Fortschreitende Fragmentierung und Entbürgerlichung der Gesellschaft sind auch aus linker Perspektive zwar eine zu begrüßende Befreiung – andererseits bringt diese mit sich auch Prozesse der Entzivilisierung, des neuen Wahns und damit neue Möglichkeiten der Barbarei. Gesellschaftliche Strukturen werden geschwächt, öffentliche Güter werden privatisiert, soziale Sicherheitssysteme werden zunehmend beschnitten („private Vorsorge“), neue Medien begünstigen die Verbreitung selbstgebastelter, pseudokritischer Ideologien: Leute, die von Chemtrails überzeugt sind, Menschen, die sich den ganzen Tag damit beschäftigen, Fotos von Yogaübungen oder gesunden Rohkostmahlzeiten im Internet zu »liken«, so als könne die obsessive Pflege der eigenen Gesundheit und des eigenen Körpers irgendwie magisch all die komplizierten gesellschaftlichen Bedrohungen bannen, denen das eigene Leben ausgesetzt ist. Die auf Facebook sehr gut zu verfolgende personelle Überschneidung von Freilerner-, Esoterik- und alternativer Gesundheitsszene indiziert tatsächlich so etwas wie einen beunruhigenden, kollektiven Rückzug aus der Gesellschaft. Der politische Leerlauf, der hier stattfindet, zeigt sich gut in einer verbreiteten Facebook-Unsitte: Statt selbst einen Gedanken zu formulieren, werden romantische Landschaftsbilder geteilt, auf die jemand vorgefertigte Lebensweisheiten gephotoshopt hat, z.B. dass jeder (besonders: jedes Kind) doch einfach so sein soll, wie er »wirklich« ist! Dass jeder »seinen Weg« gehen soll, denn der führt ihn sicher an »sein« Ziel, wo er dann eben endlich so sein kann, wie er »wirklich ist« – obwohl man ja damit angeblich schon angefangen hat, und am besten entdeckt man am Ende dieses Weges auch noch sein eigenes »inneres Kind« wieder. Die ganze romantische Verklärung von Individualität und Kindsein führt zu einer scheinbar emanzipatorischen, eigentlich aber regressiven Propagierung einer durch und durch tautologischen Suche nach der »eigenen Identität«, zu einem Programm, das letztlich auf die totale Vereinzelung, auf unpolitische Gleichgültigkeit hinausläuft, bei aller zur Schau getragenen Empathie.

Tatsächlich geht in diesen entpolitisierten Zeiten der Neoliberalismus mit den kümmerlichen Resten der alternativen Szene eine seltsame Allianz ein. Neoliberal ist es, die öffentlichen Güter zu schmälern, die Verantwortung für alles den Einzelnen zu überlassen bzw. auf sie abzuwälzen. Das kulminiert in dem Margaret Thatcher zugeschriebenen Zitat: „There is no such thing as society“. Was vom Alternativen heute übrig geblieben ist, scheint manchmal wie die perfekte Umsetzung von Thatchers Programm, denn der Eisernen Lady hätte es nur zu gut gefallen, dass jeder durch Yoga-Übungen und grüne Smoothies seines eigenen Glückes Schmied sein kann, weil dann keine Krankenversicherung mehr nötig ist, die im Unglücksfall zahlt. Sein Fahrrad kann jeder von den freundlichen Dreadlockträgern im Repair Café flicken lassen, das kostet schön wenig, darum reicht auch ein prekärer Job bei foodora, um sich irgendwie durchzuschlagen. Oder noch besser die Schulverweigererfamilie im Wohnmobil auf Weltreise, die vom Verkauf der eigenen Sehnsucht an andere lebt – der Traum jedes Neoliberalen, die perfekte Vereinigung von Kapitalismus und Antikapitalismus, und das noch unterm Vorzeichen des Freilernens! Gegenüber dieser Individualisierung, die eigentlich eine Prekarisierung ist, nimmt sich Schule wirklich sehr altmodisch aus, und zwar altmodisch, weil sie eine träge, auf ihre autoritäre Art auch berechenbare Institution und vor allem eben: ein öffentliches Gut ist, einer der Bereiche gesamtgesellschaftlicher Verhandlung, ja Öffentlichkeit, die der Neoliberalismus so gerne abschaffen will. Ja, so argumentieren auch die unsympathischen, konservativchristlichen Verteidiger der Schulpflicht – aber tatsächlich macht es sich zu einfach, wen man unter Verweis auf die autoritären Seiten des Schulalltags in Bausch und Bogen behauptet, da sei überhaupt nichts dran.

Zwar hat neoliberale Politik die Schulpflicht noch nicht abgeschafft. Das liegt aber weniger daran, dass die bösen »Konzerne« das geheime Ziel hätten, alle Kinder durch Schule an Entfremdung zu gewöhnen. So behaupten es viele Schulkritiker gern, aber auch diese These hat etwas seltsam verschwörungstheoretisches an sich und stimmt in einer Gesellschaft, die individuelles Authentischsein doch längst zum Maßstab gelungener Sozialisation und erfolgreicher Karriere erhoben hat, einfach nicht mehr. Dass es Schule noch gibt, liegt eher daran, dass die Institution zu groß und zu behäbig ist, ihre bürokratische Beharrungskraft ist stark, und zugleich hat der Neoliberalismus ganz einfach bisher besseres zu tun und wichtigeres abzuschaffen gehabt. Die Tatsache, dass Schule sich zur Zeit gesellschaftlich tendenziell ausbreitet und immer mehr Lebenszeit von Kindern vereinnahmt (Ganztag), darf deshalb nicht den Blick darauf verstellen: Schule ist ebenso wie Krankenversicherung, Theater, Schwimmbad, gesetzliche Rente und Kündigungsschutz Bestandteil jener altmodischen Institutionen, die prinzipiell der Allgemeinheit gehören und die sich darum auch allesamt im Visier des Neoliberalismus befinden. Das gilt, obwohl Schule sich selbst, von ihrer inneren Logik getrieben, nach Kräften bemüht, die Gemeinsamkeit, die sie doch propagiert und von der sie auch wirklich zehrt, durch Selektion ständig zu torpedieren.

4. Fazit: Die Dialektik der Aufklärung

Die Verhältnisse sind nicht nur kompliziert, sie sind widersprüchlich. Einfach zu sagen, Schule sei böse, ein Übel und gehöre abgeschafft, ist so naiv, als wolle man sagen, die Freimaurer lenken aus einem Bunker unter New York die Regierungen in aller Welt. Schule ist ein öffentliches Gut, das man nicht einfach angreifen darf nach nach dem Motto „Befreit die Kinder, weg damit“ – denn wer Schulkritik gesellschaftstheoretisch fundiert, muss doch einsehen, dass in einer nur scheinbar befreiten Gesellschaft mit dem Potenzial neuer Barbarei jede „Befreiung“ einzelner bzw. in Einzelbereichen immer auch dazu führt, dass das Potenzial dieser Barbarei bzw. des reaktionären Wahns gestärkt wird. Einfach gesagt: Freiheit ist immer auch Freiheit für die Feinde der Freiheit, und ich entkomme dieser Dialektik nicht durch die berechtigte Forderung nach kindlicher Selbstbestimmung. Weil die nicht zu trennen ist von der gesellschaftlichen Situation, in der sie durchgesetzt wird – oder nochmal anders: Selbstbestimmung ist als Begriff immer nur ein falscher Schein, eine verführerische Leerformel, wenn ich doch weiß, dass die, die sich scheinbar „selbst“ bestimmen, ihrerseits Produkt einer sie bestimmenden Gesellschaft sind, in der die um sich greifende Entpolitisierung z.B. die Grenzen zwischen verschwörungstheoretisch-rechts grundierter Esoterik und linker Alternativ-Spiritualität immer stärker verschwimmen lässt. Die auf Facebook immer mal wieder propagierten »Freilerner-Dörfer« oder »Hofgemeinschaften«, haben etwas seltsam Trauriges in ihrer Vereinzelung, und zugleich ist die strukturelle Parallele zu den rechten Siedlern, die im Osten versuchen, national gesinnte Dorfgemeinschaften aufzubauen, doch unübersehbar – beides wirkt wie das Produkt einer zugleich naiven und gefährlichen Gesellschaftsverweigerung. Es gibt, wie Adorno sagte, kein richtiges Leben im falschen, und in der derzeitigen Situation gesellschaftlicher Fragmentierung ist der Rückzug aus der Schule faktisch auch immer einer ins unpolitische Private, in die Vereinzelung, die durch noch so viele »Freilerner-Treffen« ja gerade nicht aufgehoben, sondern paradoxerweise tendenziell sektiererisch verstärkt wird, so verständlich das Bedürfnis nach Gemeinschaft in einer illegalisierten Szene auch ist.

Letztlich ist es nichts als die Dialektik der Aufklärung, auf die hier hingewiesen werden soll. In dem Moment, in dem sich weite Teile der Bevölkerung dieses Landes als rassistische Halunken outen, die von einem primitiv-reaktionären (gar nicht links zu nennenden) Staatshass besessen sind, kann man nicht umhin, für den Wert öffentlicher, von allen getragener, für alle offener Strukturen theoretisch wieder sensibler zu werden. Das heißt nicht, dass hier Schule in ihrer jetzigen Form oder Schulpflicht nun zu verteidigen wären! Es heißt nicht, dass es nicht wichtig wäre, Kinder von der Schule zu befreien. Aber dieser Versuch führt unausweichlich mitten hinein in eine komplizierte gesellschaftlich-historische Dialektik, in der es kein simples Gut und Böse mehr gibt. Wir müssen mehr in Ambivalenzen denken, wenn wir Schule kritisieren und dabei nicht ins Unpolitische abdriften wollen. Die Präsenz rechtsesoterischen Gedankenguts in der Freilerner-Szene, die Anlass für diesen Aufsatz war, ist nur ein Indikator für diese Notwendigkeit. Die Vokabel »Freilernen« selbst wäre einer Kritik zu unterziehen, weist sie doch sprachlich in eine sehr deutsche, naiv-lebensreformerische Vergangenheit zurück, die ihre ganz eigene rechte Schlagseite hatte. Es bedarf einer gesellschaftstheoretischen Fundierung und historischen Kontextualisierung von Schulkritik, die hat John Holt nicht geleistet, und Illich hat seinerseits damit nur angefangen, und auch dies für heutigen Geschmack viel zu sehr aus einer simpel-antiimperialistischen Sichtweise. Das emotionale Bekenntnis „Freiheit den Kindern“ ist vollkommen richtig und doch zugleich furchtbar fehlerhaft, weil apolitisch und eskapistisch, es ist, so einfach-unabweisbar zu Tränen rührend wahr es auch sein mag, politisch eben auch viel zu wenig und darum schlicht falsch. Denken wir weiter!

(Erschienen 2016 in Heft 70 – Was wollen wir künftig?.)

Lothar Kittstein

Weiterführende Verlinkungen:

  • Chance zur Freiheit oder Rückschritt ins Mittelalter?
    Wenn die Weltanschaung die entscheidende Rolle für die Schulverweigerung spielt. Freilerner, Unschooler und Homeschooler, Teil 2 (Artikel von heise.de )
  • Facebookgruppe ‚Freilernen in Deutschland‘
    Ausgehend vom Recht sich frei zu bilden dient diese Gruppe der Vernetzung und bietet Raum für emanzipatorische Diskussionen. ‚Freilernen in Deutschland‘ bezieht sich auf einen politischen und juristischen Kontext, aus dem heraus wir uns mit dem Thema ‚Freilernen‘ beschäftigen. Auch Beiträge zum Freilernen in anderen Ländern sind hier gerne gesehen.
  • Nachdenkliches anlässlich der Global Home Education Conference 2012
    Die stets sehr engagierten, teilweise unvereinbaren Stellungnahmen, die ein Kongress auslöste; und die Klärung dessen, was nach der Befreiung aus dem deutschen Schulzwang die Freiheit bedeuten könnte, Bildung zu gestalten.  Ist das Recht, frei sich zu bilden, im Grunde kein Recht auf Freiheit?
  • Schulpflicht bringt Unfreiheit
    Wir denken, daß Kinder und Jugendliche es verdienen, als Menschen ernstgenommen zu werden, denen die vollen Grund- und Menschenrechte zustehen. Die Schulpflicht steht diesem Anspruch im Wege. In diesem Text wollen wir begründen, warum wir glauben, daß das so ist. (Text der KinderRÄchTsZÄnker Berlin)
  • Bildungsrecht und Bildungspflicht statt Schulbesuchspflicht
    (Positionspapier der Piratenpartei Berlin)