Inkognitoabiturientin – ohne Schule zum Abitur

Text: Julika Poerschke

Meine Erfahrungen mit dem »freien Lernen« haben schon sehr früh begonnen. Ich bin seit meiner Einschulung auf drei freie Schulen gegangen, darunter zwei Montessori-Wild-Schulen und eine Freinet-Schule. Ich konnte größtenteils selber entscheiden, was ich in der Schule mache und habe mich viel mit praktischen Dingen beschäftigt. Ich habe gekocht, viel gebastelt, war viel draußen, habe viele Rollenspiele gespielt und bin auch immer wieder auf »schulische Dinge« gestoßen, die ich dann bearbeitet habe. Mit meinem umzugsbedingten zweiten Schulwechsel an eine Schule, die sehr viel größer war als meine beiden vorherigen Schulen, trat bei mir ein großer Entwicklungsschub ein. Vom Kuhmädchen, das den ganzen Tag auf der benachbarten Kuhkoppel verbrachte und Kühe dressierte, war ich nun gezwungen, mich zu einer »normalen Schülerin« zu entwickeln, die versuchte so zu sein, wie alle anderen auch. Glücklicherweise war mein inneres Kuhmädchen stark genug, um diese Wandlung nicht in einem Desaster enden zu lassen.

Schulisch lief es okay. Es gab Erwachsene, die mich sehen konnten, ich hatte verschiedene Sozialkontakte und fühlte mich einigermaßen wohl. Schon immer fiel meinen Eltern auf, dass ich »unrund lief«, doch in Gesprächen mit Lehrern und Lernbegleitern wurde ihnen immer versichert, dass alles gut sei und ich problemlos lerne. Meine Eltern wunderten sich, aber ließen mich »weiterlaufen«. Am Anfang der 9. Klasse habe ich mich dann auf Legasthenie und Dyskalkulie testen lassen und lag im Vergleich mit Schülern der 5. Klasse unter den letzten zehn im Vergleichsfeld. Ich hatte massiven Nachholbedarf in Mathe und Deutsch, weil mich lange Zeit andere Dinge viel mehr faszinierten und dazu also auch noch eine Legasthenie und Dyskalkulie. Das waren für mich keine guten Voraussetzungen für den Abschluss, den ich in der 10 Klasse machen wollte.

Aus heutiger Sich glaube ich allerdings, dass mich diese Diagnose damals sehr angespornt hat. Ab diesem Zeitpunkt habe ich mich daran gesetzt, meine Lücken zu füllen und mir einen Weg zu erarbeiten, mit meinem Handicap zurecht zu kommen. Ich habe in den beiden Jahren vor der Realschulprüfung so viel gelernt, wie in meiner gesamten Schulzeit nicht. Einen großen Teil des Wissens habe ich mir selbstständig und selbstorganisiert erarbeitet. Hierbei entdeckte ich meine Begeisterung für das Lernen an sich.

Am Ende der 10. Klasse habe ich dann tatsächlich meine Nichtschülerprüfung mit einem guten erweiterten Sekundarabschluss I geschafft und wechselte anschließend auf ein Berufliches Gymnasium mit der Ausrichtung Sozialpädagogik, um hier mein Abitur zu machen.

Da ich zuvor noch nie auf einer staatlichen Schule gewesen bin, war mir das System vollkommen unbekannt und ich habe relativ schnell begriffen, dass ich so nicht lernen möchte und auch nicht lernen kann! – Der 45-Minutentakt und die autoritäre und unpersönliche Art der Lehrer waren für mich Neuland und brachten mich zum Nachdenken. Dass es den Lehrern völlig egal zu sein schien, wen sie da vor sich hatten und es ihnen lediglich um die Überbringung des Schulstoffes, aber nicht um ihr Gegenüber ging, hat mich sehr irritiert.

Mein Schultag begann um 5 Uhr morgens, damit der lange Schulweg von über 90 Minuten für eine Strecke möglich war. Die Tatsache, dass es mir schwerfällt, im normalen Unterrichtsgeschehen Textinhalte in Klausurgeschwindigkeit (die Geschwindigkeit, die es braucht, um in Klausuren rechtzeitig fertig zu werden) zu erfassen, gestaltete die Situation zunehmen herausfordernd. Durch meine Legasthenie brauche ich Ruhe und Zeit, um Texte zu bearbeiten. Wenn im Unterricht der Lehrer schon mal weitermachte oder die Unruhe bei den bereits fertigen Mitschülern stieg, war es mir nicht mehr möglich, Textinhalte bei der Bearbeitung vollständig zu erfassen. Dies führte dazu, dass ich nach dem Heimkommen um 17 Uhr den ganzen Schulstoff noch einmal nacharbeiten musste, um anschließend meine Hausaufgaben machen zu können.

Meine Familie sorgte sich zunehmend um den scheinbar zu beobachtenden Verlust meiner lebendigen Ausstrahlung und ich selber fühlte mich immer abgeschlagener. Nach reiflicher Überlegung und Gesprächen mit meinen Eltern und meiner Lehrerin entschloss ich mich, die Schule zu verlassen, um ein Praktikum im Bereich der Erlebnispädagogik zu machen. In den ersten Wochen danach musste ich mich erstmal wieder völlig neu orientieren. Ich schaute mich in verschiedenen Bereichen um und gewann meine alte Lebensfreude und -kraft zurück. Meine Mutter hatte mir parallel zu meinen auftauchenden Zweifeln an meinem Weg von einer Gruppe erzählt, die sich in Freiburg selbstständig auf ihr Abitur vorbereitete. Ich durchforstete intensiv das Internet und informierte mich tiefgehend über Methodos in Freiburg. In den folgenden Wochen versuchte ich in Bremen eine ähnliche Gruppe auf die Beine zu stellen. Ich lernte verschiedene junge Leute kennen, die sich ebenfalls an der Art des »Lernen müssens« in Schulen störten. Wir diskutierten intensiv über unsere Vorstellungen und unser zukünftiges Lernen, informierten uns gemeinsam über andere Methoden und Wege und besuchten einen inspirierenden Vortrag von Alia Ciobanu, den sie in Bremen anlässlich ihrer Buchveröffentlichung über das Projekt Methodos hielt. In einer anschließenden Diskussion mit ihr legte sie die Herausforderungen eines solchen Projektes noch einmal offen.

 

In diesen Monaten suchte ich auch zunehmend Kontakt zu weiteren Menschen, die sich mit Freilernen beschäftigten und knüpfte an alte Kontakte aus der Zeit an meiner ersten freien Schule an. Gemeinsam mit den »Bremern« besuchten wir ein Freilernertreffen des BVNL und Septrés, bei dem ich viele tolle Menschen kennenlernte und noch mehr Mut für meinen persönlichen Weg mitnehmen konnte. Die Bremer Gruppe diskutierte die Umsetzung des geplanten Vorhabens anschließend zunehmend kontroverser und es wurde deutlich, dass die Vorstellungen von der Umsetzung des freien Lernens auseinandergingen bzw. die rechtlichen Gegebenheiten den Mut der Umsetzung schwächten, bis die Gruppe sich schließlich nach einem halben Jahr auflöste.

Ich war nun auf mich allein gestellt und für mich stand fest, dass ich künftig den Weg des Freilernens gehen würde! Es gab jetzt niemanden mehr, der mir sagte, was ich tun oder was ich wann lernen sollte. Ich beschäftigte mich zuerst mit Fragen wie: Wann stehe ich auf? Wann sind meine Lernzeiten? Wie viel Lernstoff bearbeite ich in einer Woche? Was mache ich mit der Zeit, die ich dazugewonnen habe? Welche Möglichkeiten habe ich noch?

In dieser Zeit reiste ich viel, nahm an verschieden Freilernertreffen teil und auch an den Jugendtreffen von Septré. Ich engagierte mich auf dem Schulfreifestival und stieg hier in das Organisationsteam ein. Es war für mich sehr hilfreich, mich mit anderen Freilernern über ihre Erfahrungen auszutauschen und es beruhigte mich zu sehen, dass ich nicht allein war, mit dem was ich machte.

Treffen der Jugendgruppe Septré (2013)

Siebdruck beim Schulfrei-Festival (2013)

Ich entschied mich schließlich, meine Abiturvorbereitung mit Hilfe einer Fernschule zu machen. So hatte ich eine Vorgabe, was ich überhaupt lernen sollte und dies gab mir anfangs ein gutes Gefühl. Mein Lernmaterial bestand aus verschieden Heften zu unterschiedlichen Themen, die am Ende immer auf einen kleinen Test hinausliefen, den ich dann der Fernschule zurücksenden sollte. Es war für mich jedes Mal eine Herausforderung, die Einsendeaufgaben fertig zu stellen. Ich bemerkte, dass mich die Einsendeaufgaben hemmten, da ich den Stoff schon bei der ersten Bearbeitung verstanden hatte. Die Einsendeaufgabe war aus meiner Sicht also nur das Mittel, mit dem die Fernschule meine Note festlegte – jedoch keine sinnvolle Möglichkeit, mein Wissen noch einmal zu überprüfen. Diese Struktur nahm mir zunehmend die Lust, an den Heften weiter zu arbeiten.

Lernbegeisterung bei den Heften…

Meine Begeisterung für das Lernen und dafür, mir selbst neue Fähigkeiten und Fertigkeiten anzueignen, blieb jedoch. So begann ich mich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht viel mit dem Lernstoff des Abiturs zu tun hatten. Ich brachte mir das Häkeln bei, versuchte mich am Klavierspielen, machte viel in unserem Garten, begann die Gebärdensprache zu lernen, ging regelmäßig reiten und begann mich mit Politik zu beschäftigen. Ich nahm an einem Mentoringprogramm für junge Frauen in der Kommunalpolitik unseres Ortes teil und interessierte mich für Schulpolitik in Deutschland und Politik allgemein.

Bei all meiner Lernerei hatte ich immer wieder den Wunsch nach mehr Austausch mit Gleichgesinnten und nach gemeinsamen Aktionen, die über ein verlängertes Wochenende hinausgingen. Meine Mutter machte mich auf die Bewegung Funkenflug aufmerksam, die sich ein Jahr zuvor zusammengefunden hatte und sich mit Veränderungsideen rund um Bildung beschäftigte. Es faszinierte mich, von einem Lauf durch Deutschland zu lesen, der im Vorjahr stattgefunden hatte – mit dem Ziel, eine Bildungswende in Deutschland einzuläuten.

Ich entschloss spontan, mich dem nächsten Lauf des Funkenfluges anzuschließen und startete am 1. Mai 2014 meinen ersten Lauf in einer Gruppe von ca. 15 Leuten von Freiburg nach Berlin. Für mich als Flachlandindianer war das damals eine ungeahnte Herausforderung. Ich hatte meinen Rucksack mit allem gepackt, was ich auf einem eineinhalbmonatigen Lauf brauchen könnte und musste nach den ersten Kilometern feststellen, dass mein untrainierter Körper das ganz anders sah. In den ersten Tagen trugen meine Mitwanderer den Inhalt meines Rucksackes und täglich eroberte ich mir ein Stück davon zurück, bis ich mich nach einer Woche an mein ursprüngliches Gepäck herantrainiert hatte. Jeden Tag stand eine Strecke von ca. 15 Kilometern auf dem Plan, die uns von Baden Württemberg über Bayern, Thüringen, Sachsen und Brandenburg bis nach Berlin führte. Auf dem Weg haben wir uns täglich neuen Herausforderungen gestellt, eine neue Schlafunterkunft gesucht und viele wunderbare Menschen und Orte kennen gelernt. Wir haben Schulen besucht, mit Schülern und Lehrern über ihre Bildungswünsche gesprochen und diese mit nach Berlin genommen. Die Menschen, mit denen ich in diesen Wochen unterwegs war, haben meinen Blick auf das Schulsystem, die Bildungsmöglichkeiten, Lebensvorstellungen, Talentnutzung, Gemeinschaft und meine eigenen Möglichkeiten, etwas mir wirklich entsprechendes zu machen, noch einmal geschärft und bereichert.

Funkenflug 2014 – Junge Menschen laufen zu Fuß quer durch Deutschland und sammeln an den Schulen Wünsche

Nach der Rückkehr von diesem Lauf setzte ich zunächst meinen Lernweg mit den Lernheften wie bisher fort, gönnte mir aber immer wieder Auszeiten mit den Funkenfliegern. Ich unterstützte u.a. den gemeinschaftlichen Bau einer Jurte und lernte, dass man für die Erstellung eines Jurtendaches eine ganze Turnhalle braucht.

Jurtenbau in Schwäbisch Gmünd

Aufbau der Jurte. Heute ist die Jurte teil des Pilotprojekts Sozialkraftwerk.

Im darauffolgenden Jahr organisierte ich mit einigen anderen Interessierten einen Funkenfluglauf von Bremen nach Berlin und setzte mich zunehmend mit der Frage auseinander, ob ich mein Abitur weitermachen will oder nicht.

 

Start der Funkenfliegergruppe in Bremen. (2015)

Auf dem Weg nach Berlin.

Nach einem Familienurlaub in England entschied ich mich dafür, einen anderen Weg zum Abitur zu nehmen und den Fernschulweg nicht weiter zu verfolgen.

Ich informierte mich, mithilfe meiner Eltern, über andere Möglichkeiten, mein Abitur zu machen und entschied mich für eine Nichtschülerprüfung. Diese Möglichkeit gibt es fast überall in Deutschland und für mich war dies der Weg, mein selbstständiges Lernen fortzusetzen. Meine jüngere Schwester bereitete sich zu diesem Zeitpunkt an einem Beruflichen Gymnasium ebenfalls auf ihre Abiturprüfung vor.

Bei der Entscheidung, ob ich die Nichtschülerprüfung mache sollte, war es für mich zudem hilfreich, dass ich mich mit Moritz Neubronner austauschen konnte, den ich bei einem Vortrag über sein Nichtschülerabitur ein Jahr zuvor kennengelernt hatte. Die Nichtschülerprüfung bedeutete für mich: vier schriftliche und vier mündliche Prüfungen, bei denen nur die Leistungen zählen, die ich am Prüfungstag abliefere.

Ich besorgte mir als erstes die Bildungspläne verschiedener Bundesländer und informierte mich über die unterschiedlichen vorgegebenen Themenschwerpunkte für die Abiturprüfungen 2016. In meinem Bundesland erschienen mir die Zugangsvoraussetzungen zum Nichtschülerabitur für mich nicht passend und so entschied ich mich, nach Bremen umzuziehen.

Der Bremer Bildungsplan war zu meinem Glück sehr gut strukturiert und gab detaillierte Informationen zu den einzelnen Fächern, so dass ich diesen als Leitfaden für meine Vorbereitung nutzen konnte. Ich besorgte mir die Bücher und Materialien für die verschiedenen Fächer. Ich überlegte, bei welchen Fächern ich mir vorstellen konnte, mich selbstständig oder mit Hilfe meiner Eltern vorzubereiten und bei welchen Fächern ich mir Unterstützung von Freunden und Bekannten holen wollte. Zum Glück fand ich in meinem Umfeld schnell die Menschen, die mir bei Fächern wie Mathe, Deutsch oder Französisch helfen konnten. Nachdem ich das alles abgeklärt hatte, meldete ich mich mit einer detaillierten Darstellung meiner bisherigen Vorbereitungen zur Abiturprüfung 2016 an.

Vorbereitung aufs Abitur

Ab diesem Zeitpunkt lernte ich täglich zwischen 8 und 10 Stunden und es gab für mich in diesen Wochen und Monaten nicht viele andere Aktivitäten als Lernen, Essen und Schlafen. Diese Vorbereitungszeit war für mich eine Herausforderung und eine große Prüfung für meine Selbstdisziplin. Immer wieder musste ich mich selber davon überzeugen, auf dem richtigen Weg zu sein oder mein Umfeld diesen »Job« übernehmen lassen.

Meine Abiturprüfungen konnte ich alle in der Erwachsenenschule in Bremen ablegen. Ich habe es als hilfreich empfunden, so vorab zumindest eine Vorstellung von den Ansprechpartnern an den Prüfungstagen und dem Gebäude, in dem die Prüfungen stattfinden, zu haben. Einige Wochen vor Beginn der ersten Prüfung wurde ich von der Erwachsenenschule eingeladen und lernte bei diesem Termin auch andere potenziell abiturwillige Nichtschüler kennen, die sich ebenfalls zum Nichtschülerabitur 2016 in Bremen angemeldet hatten. Bei diesem Termin wurde der genaue Ablauf der Prüfungen erläutert und uns wurde mitgeteilt, dass wir zuerst die mündlichen Prüfungen durchlaufen müssen und erst nach Bestehen dieser Prüfungen an den Schriftlichen teilnehmen können. Zu Vorbereitungskontakten mit den anderen Nichtschülern kam es nach diesem Termin nicht, dafür waren wir wahrscheinlich auch viel zu unterschiedlich unterwegs.

Die Prüfungszeit selbst war der absolute Nervenkitzel! Sie startete mit vier mündlichen Prüfungen in den Fächern Geschichte, Englisch, Französisch und Pädagogik. Vor der ersten Prüfung hatte ich wahnsinnig viel Angst! Ich kannte meine Prüfer nicht, wusste nicht, was genau sie von mir erwarten werden und war mir unsicher, wie ich mein Können günstigenfalls darstellen konnte. Direkt nach der Prüfung wurde mir, nach kurzer Beratungszeit der Prüfer, mein Prüfungsergebnis mitgeteilt. Ich war heilfroh, dass es geklappt hatte. Ich hatte in vier aufeinanderfolgenden Wochen jeweils eine mündliche Prüfung und nach der letzten Prüfung machten sie mir auch nichts mehr aus. Wahrscheinlich hätte ich die ersten beiden Prüfungen zu diesem Zeitpunkt sehr viel zielsicherer ablegen können, als zu Beginn meines Prüfungsmarathons. Eine Woche nach den mündlichen Prüfungen bekam ich von der Verwaltung der Erwachsenenschule die Mitteilung, dass ich an den schriftlichen Prüfungen teilnehmen darf.

Die schriftlichen Prüfungen in den Fächern Deutsch, Mathe, Politik und Biologie habe ich gemeinsam mit den Schülern der Erwachsenenschule, einigen Schülern von freien Schulen und weiteren Nichtschülern geschrieben. Ich kannte zwar fast niemanden, aber ich war ja eh ausschließlich mit mir und der Reproduktion meines erlernten Wissens beschäftigt.

Und dann war ich fertig! Die mündlichen Prüfungen waren bestanden und alle schriftlichen Prüfungen waren geschrieben. Ein riesiges Zeitfenster tat sich auf! Was sollte ich jetzt mit all dieser Zeit anfangen?

Zunächst habe ich mal ganz viel geschlafen und mein Zimmer wieder richtig aufgeräumt! Lernsachen kamen wieder in die zweite Reihe und lebensverschönernde Dinge in den Vordergrund. Meine Schwester war noch mitten in den mündlichen Abiprüfungen und so bekam ich bei ihr nun noch ein bisschen von dem gemeinsamen Abiturientennervenkitzel mit, der sie und ihre Mitschüler durch die Prüfungszeit trug – Erleichterungspartys nach der letzten Prüfung eingeschlossen.

Vier Wochen später hatte ich einen Termin in der Erwachsenenschule, bei dem die Abiturergebnisse mitgeteilt wurden. Es war geschafft!!!!! Die ganzen Mühen und Entbehrungen hatten sich für mich gelohnt. Trotz meiner Legasthenie und meiner Dyskalkulie hatte ich mein persönliches Ziel, die allgemeine Hochschulreife zu erlangen, erreicht – auch wenn ich überhaupt noch nicht wusste, was ich damit anfangen wollte.

Abitur 2016

Am Abend ging ich mit meiner Familie groß Essen und feierte mein Abitur. Anschließend fuhr ich mit meiner Schwester und Freunden für ein Wochenende in den Harz. Ich glaube, ich hätte auch gern eine offizielle Abiturverkündung in feierlichem Rahmen gehabt und einen Abiball, an dem ich nicht nur als frischgebackene Inkognitoabiturientin gefeiert hätte – zumindest inkognito hatte ich Gelegenheit, mit meiner Schwester an beidem teilzunehmen.

Der Artikel ist 2017 in Heft 74 – Herausforderungen beim Freilernen erschienen.

Wenn ich heute so auf diese Zeit zurückblicke, dann kommen mir einige Dinge in den Sinn, die ich das nächste Mal vielleicht anders machen würde. Zum Beispiel würde ich für mich nicht noch einmal den Weg über eine Fernschule wählen, da ich es als total wertvoll erachte, die Freiheit zu haben, sich einem Thema so zu nähern, wie es einem in den Sinn kommt und wie es für den Lernenden richtig ist.

Wenn ich jemandem Tipps für den richtigen Weg zum Abitur geben sollte, dann würde ich ihn auf die Suche nach seinen ganz eigenen Wünschen und Erwartungen schicken: Was ist dir wichtig? Wie möchtest du lernen? In welchem Zeitrahmen möchtest du dein Ziel erreichen? Wer kann dich auf deinem Weg unterstützen? … Es gibt, glaube ich, nicht »den Weg« zum Nichtschülerabitur, sondern es gibt nur DEINEN Weg!

Mein Weg hat mir Gelegenheit gegeben, zu mir zu kommen, mich viel besser kennen zu lernen und mir zu beweisen, dass ich fast alles, was ich mir vornehme, auch erreichen kann – wenn ich es will!