Häufige Fragen zu Home Education

Karen Kern geht im Folgenden auf einige Fragen und Bedenken zu Home Education ein. Diese wurden 2012 anlässlich einer Veranstaltung der Piratenpartei geäußert. Homeschooling wird hier (anders als sonst oft) synonym mit dem Begriff Home Education verwendet. Homeschooling bezieht sich in diesem Text also sowohl auf den häuslichen Unterricht als auch aufs Freilernen.

»Ist nichts für jedes Kind«

Es geht nicht darum, Schulen abzuschaffen, sondern die Schulpflicht, wie sie zur Zeit in unserem Staat eingefordert wird, umzuwandeln. Natürlich ist Bildung von zu Hause aus nicht für jedes Kind etwas, aber es würde die Situation von vielen Kindern, denen die Schule nicht gerecht wird, verbessern – für manche nur für eine bestimmte Zeit, ein halbes Jahr, ein oder zwei Jahre, für andere kann es sich als der für sie geeignete Bildungsweg herausstellen. Und es würde Familien, die sich schon vor der Schulzeit ihrer Kinder für diese Form der Bildung entschieden haben, nicht zur Auswanderung treiben, ein Potential, das uns ansonsten verloren geht. In Ländern, in denen Home Education erlaubt ist, sind es bis zu 2% der jungen Menschen im schulpflichtigen Alter, die sich von zu Hause aus bilden. Natürlich ist Bildung von zu Hause aus für die Kinder etwas, die diesbezüglich auch von ihren Eltern unterstützt werden.

»Ist für Elite die sich das leisten kann«

Das hängt davon ab, wie man das Wort Elite bezeichnet. Den Familien, die es praktizieren, ist eines gemeinsam: ihnen ist Bildung wichtig – die Bildung ihrer Kinder, aber auch ihre eigene Bildung. Dadurch verschieben sich die Prioritäten und für die meisten Familien ist Bildung wichtiger als das Einkommen. Beim Einkommen rangieren Home Education Familien wiederum normalerweise im unteren und mittleren Einkommensbereich (siehe Studie aus GB).

»Homeschooler werden – nur – von ihren Eltern unterrichtet«

Dies hängt von der Motivation für Bildung zu Hause ab, viele Eltern unterrichten ihre Kinder nicht, sondern begleiten sie in ihrem Lernen. Nur wenige Familien unterrichten ihre Kinder zu Hause so, wie es in der Schule passiert. Ein großer Teil der Familien arbeitet mit den Kindern in den Hauptfachbereichen wie Deutsch, Mathematik und Englisch, alle weiteren Themen werden projektartig behandelt. Nach der Studie von Alan Thomas fangen viele Familien, deren Kinder aus der Schule aussteigen, mit schulähnlichem Lernen an und gehen dann aber zu immer freieren Formen über. Der Fokus ändert sich dann, vom Beibringen eines Stoffes, der im Lehrplan steht, hin zu Antworten auf die vielen, vielen Fragen zu bekommen, die die Welt an unsere Kinder und uns stellt. Ähnlich wie bei Kindergartenkindern, die eine Frage nach der anderen stellen, zieht sich dies bei Kindern, die nicht zur Schule gehen, weiter durch. Und es ist zu beobachten, dass Kinder diese Fähigkeit auch wieder entdecken können, wenn sie die Neugier auf die Welt durch ihre schulische Situation verloren haben. Bildung zu Hause findet in den seltensten Fällen ständig in den eigenen vier Wänden statt. Vielmehr ist das Zuhause der Ausgangsort um die Welt zu erkunden und von den allermeisten Familien werden viele Bildungseinrichtungen und -angebote unserer Gesellschaft regelmäßig benutzt und wahrgenommen wie Bibliotheken, Museen, Wissenschaftszentren, Zoos, Theater, Ausstellungen, Volkshochschulen, Sporthallen und -plätze, Schwimmbäder, Vereinsangebote, Kirchen, BUND oder NABU, Musikschulen, Kunstschulen, Gärten, Wald und Wiese und vieles mehr. Der Lern- und Lebensalltag bietet viele Bildungsmöglichkeiten, die auch andere Menschen mit einschließen. Freunde, Bekannte und Verwandte werden oft mit ihrem speziellen Wissen und ihren Fertigkeiten in die Bildung mit einbezogen, wie auch die verschiedensten Medien wie das Internet, Hörbücher, Filme, Computerprogramme, Bücher, Bücher, Bücher und Fernschulmaterialien. Obwohl Home Education hier in Deutschland verboten ist, schließen sich Familien zu freien Lerngruppen zusammen und organisieren gemeinsam Bildungsveranstaltungen für ihre Kinder. In Großbritannien, den USA und vielen anderen englischsprachigen Ländern sind in den letzten Jahren auch viele Klubs oder Kooperativen wie der Otherwise Club in London entstanden, in denen Lernangebote in Eigenregie durchgeführt werden oder auch Experten dafür organisiert werden. Eine weitere Möglichkeit sind Kooperationen mit Schulen, auch dies wird schon in Deutschland praktiziert. In anderen Ländern gibt es das Angebot von Flexischooling oder die Möglichkeit, bestimmte Einrichtungen der Schule mitzubenutzen (mal ganz davon abgesehen, dass man Lernmaterial von den Schulen gestellt bekommt).

»Homeschooler haben keinen sozialen Kontakt zu Gleichaltrigen« und »keine soziale Integration«

Gegenfragen: Was ist notwendig, damit Kinder zu verantwortungsbewussten Erwachsenen heranwachsen, die sich in die Gemeinschaft einbringen und gut miteinander kommunizieren können? Wie lernen Kinder dies? Wo bleibt in unserer heutigen Schule der Freiraum, auch soziale Interaktion zu praktizieren? Unsere Gesellschaft pflegt in diesem Zusammenhang Annahmen als gegeben hinzunehmen und nicht zu hinterfragen, wie z.B. dass 1) Home Education Familien sich grundsätzlich von der Gesellschaft separieren wollen. 2) für ein gutes Aufwachsen das tägliche Zusammensein mit ca. 30 anderen Gleichaltrigen notwendig ist, was zu keiner anderen Zeit im Leben von den Menschen verlangt wird. Zu 1): Wie Alan Thomas in seiner Studie »Bildung zu Hause – eine sinnvolle Alternative« schreibt, sind Menschen von Natur aus soziale Wesen und haben »…ein nahezu angeborenes Verlangen nach Kommunikation.« (S. 225)

In Deutschland sind in der Öffentlichkeit religiöse Familien bekannt, die Home Education betreiben und man hat den Eindruck, dies sei die Mehrheit. Die Gründe, die einige dieser Familien in der Vergangenheit vor Gericht angegeben haben, lässt vermuten, dass alle Home Education Familien ihre Kinder möglichst fern von anderen in den eigenen vier Wänden aufwachsen lassen wollen. Es mag sicher solche Familien geben, aber die Praxis in anderen Ländern zeigt, dass Familien soziale Kontakte außerhalb der Familie wichtig sind und dass sie sich aktiv hierum kümmern und ihre Kinder darin unterstützen, diese in anderen Zusammenhängen zu finden und zu leben, wie z.B. in Vereinen, Jugendgruppen, Home Education Gruppen und vielem anderem mehr. Kinder lernen, sich mit anderen zurechtzufinden vor allem durch Beobachtung älterer Menschen (der eigenen Eltern und anderer Erwachsener und Jugendlicher) und der eigenen Auseinandersetzung mit anderen. Home Education Familien machen die Erfahrung, dass ihre Kinder mehr Zeit mit Menschen verschiedensten Alters für Beobachtungen und eigene Erfahrungen haben und gerade in diesem Bereich meist reifer sind als viele Gleichaltrige, die in die Schule gehen. Zu 2): Auch hier nochmal Alan Thomas: »Nachdem sie (die Eltern) die Überzeugung gewonnen hatten, dass ihre Kinder sich normal entwickelten, begannen einige Eltern, die soziale Entwicklung in der Schule genauer zu untersuchen. Sie wiesen auf die ihrer Ansicht nach negativen Aspekte der gesellschaftlichen Kultur der Schule hin, insbesondere Anpassung an den Gruppenzwang der Gleichaltrigen, Missbrauch von Suchtmitteln und Mobbing. Einige bemerkten, dass die Organisationsform der Schule viele dieser Aspekte sogar unterstützt, indem sie die Schaffung einer Schulhofkultur fördert und die sozialen Kontakte praktisch auf Kinder des gleichen Alters beschränkt. Der Mangel an gesellschaftlichen Kontakten zu Erwachsenen während des größten Teil des Tages könnte sogar noch wichtiger sein.« (S. 227/228)

»Was ist mit den Eltern, die ihren Kindern durch Homeschooling extreme Lebensweisen vermitteln wollen?«

Wer bestimmt, was extreme Lebensweisen sind, sei es nun in religiöser oder sonstiger Hinsicht? Wer bestimmt, was normal ist? In Deutschland ist seit Jahren in den Schulen eine Gleichmacherei im Gange, die alles, was von der »Norm« abweicht, als krank einstuft: wenn Kinder zu langsam oder zu schnell sind. nicht in der Weise lernen wollen, die von ihnen in der Schule gefordert wird. sie ein auffälliges Verhalten an den Tag legen, sei es nun dass sie zu ruhig sind oder zu laut, zu wenig durchsetzungsfähig oder zu aggressiv. In der Regel werden diese Kinder dann mit einem Label versehen und mit Hochbegabung, Lernschwierigkeiten, Autismus, Asperger-Autismus, ADS, ADHS, Schulverweigerung oder anderem diagnostiziert und damit zu Außenseitern abgestempelt. Mittlerweile gibt es genügend Studien, die aufzeigen, dass diese Art der Ausgrenzung es den Menschen ein Leben lang schwer macht, sich vollwertig zu fühlen und sich mit einem guten Selbstwertgefühl in die Gesellschaft einzubringen. Wer also in diesem System will bestimmen, welche Familie ihre Kinder nicht zu Hause erziehen darf?

Bei den Regelungen in Bezug auf Home Education können die Staaten in Europa in zwei Gruppen eingeteilt werden, diejenigen, die den Eltern das Recht zugestehen, über die Bildung ihrer Kinder zu bestimmen, und diejenigen, bei denen der Staat sich herausnimmt, besser über die Bildung der Kinder entscheiden zu können. Natürlich gehört Deutschland zu der zweiten Kategorie, so wie alle Staaten, die Kinder, die zu Hause lernen, prüfen. Bildung wird dadurch zu einer Expertensache und Eltern und vor allem die jungen Menschen werden damit auf breiter Front entmündigt, vor allem, wenn wie in Deutschland der Schulanwesenheitszwang in aller Härte eingefordert wird. Dies lässt sich nicht mit den demokratischen Grundprinzipien eines modernen Staates vereinbaren. Hierzu aus einem Text, den ich für die OYA geschrieben habe:

»Vertrauen schafft Vertrauen, Misstrauen schafft Misstrauen und führt zu niedrigem Selbstbewusstsein und Unsicherheit.« schrieb ein britisches Mitglied des europäischen Bildungsnetzwerkes Learning-Unlimited auf einer Mailingliste. Dies wurde von neurowissenschaftlichen Studien in Bezug auf das Lernen in den letzten Jahren immer wieder bestätigt. Weiter schreibt der Brite: »Ohne das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Gutwilligkeit und Integrität führt es zu schwacher Erziehungsfähigkeit und womöglich sogar zu Gewalt und Vernachlässigung. Es können in einer Gesellschaft entweder tugendhafte oder bösartige Spiralen in Gang gesetzt werden. Wenn Menschen gut behandelt werden, mit Respekt und Vertrauen, dann werden sie auch vertrauenswürdig und verhalten sich anderen gegenüber respektvoll. Wenn ihnen regelmäßig misstraut wird und sie stark kontrolliert werden, werden sie demoralisiert, erniedrigt, sie fühlen sich abgewertet und werden sich wesentlich weniger gut verhalten.« In Deutschland wird ein solches Vertrauen zwar als Basis für die Beziehungen in den einzelnen Bereichen Elternhaus und Schule gefordert, aber es wird nicht gesehen, dass der Zwang, Kinder in die Schule zu schicken, sowohl bei den Eltern als auch bei den jungen Menschen diesem Vertrauen kontraproduktiv entgegensteht. Das Selbstverständnis aller Eltern wird dadurch grundlegend beeinflusst und Kompetenzen, die ihnen in vielen anderen Ländern zugestanden werden, werden in unserem Land allein sogenannten Experten zugesprochen. Schon alleine durch die festgelegten Schulzeiten wird das Familienleben über Jahre hinweg bestimmt. Die engen staatlichen Lehr- und Entwicklungspläne lassen schon vor der Schulzeit viele Kinder als entwicklungsgestört aus dem Raster fallen. Eltern, die ihrem Kind eine individuelle Entwicklung außerhalb dieser Normierung ermöglichen wollen, wird dies nicht zugestanden, vor allem, wenn sich die Entwicklung ihres Kindes außerhalb dieses Rasters bewegt.

Schule verlangt von ihren Schülern ein Einordnen, so dass der tägliche Betrieb möglichst wenig gestört wird. Werden Kinder auffällig, wird nicht etwa das System Schule oder die schulischen Normen hinterfragt, sondern die Probleme werden fast automatisch dem Elternhaus zugeschrieben. Das Gesetz zur Bildung in Großbritannien lautet folgendermaßen:

The parent of every child of compulsory school age shall cause him to receive efficient full-time education suitable;
a) to his age, ability, and aptitude, and
b) to any special educational needs he may have, either by regular attendance at school or otherwise.

Übersetzung:
Die Eltern jedes Kindes im schulpflichtigen Alter haben dafür zu sorgen, dass es eine Vollzeit-Bildung erhält, die

a) seinem Alter, seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten und
b) jeglichen möglicherweise vorhandenen besonderen Bildungsbedürfnissen angemessen ist, entweder durch den regelmäßigen Besuch einer Schule oder auf andere Art und Weise.

Eltern müssen sich nicht registrieren oder einen Antrag auf Home Education stellen. Wenn Kinder nach Meinung des Staates keine ihnen angemessene Bildung bekommen, dann steht der Staat in der Nachweispflicht, dass die Kinder keine Bildung bekommen, die ihrem Alter, ihren Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Dies ist ein gänzlich anderes Verhältnis des Staates zu den einzelnen Bürgern und vor allem den Eltern.

Karen Kern

Nr_71

Der Artikel ist 2016 in Heft 71 – Mathematik erschienen.