Der Prozess

Franz Kafka hat ihn eindrücklich beschrieben: Den Prozess, dem sich Herr K. stellen muss, aber gar nicht stellen kann, weil er die Regeln und Abläufe gar nicht kennt. Die Lektüre von Kafka könnte nun zu der Ansicht verführen, dass Herr K. die Regeln gar nicht kennen und nutzen kann, weil es in diesem Prozess keine Regeln gäbe. Aber selbst Willkür folgt gewissen Regeln. Gib niemals die Regel preis, nach der du gerade spielst. Mein Onkel hat auf diese Weise jedes Menschärgere- dich-nicht-Spiel gewonnen. »Natürlich kann man rückwärts schlagen, so spiel ich das immer« und kurz darauf »Nein, du darfst nicht rückwärts schlagen, nicht mit der 5«

Grundvoraussetzung für ein solches Willkürregime ist, dass einige Wenige oben und die anderen unten sind. Früher war das mal gottgegeben und bis in die heutige Zeit halten es viele für ein Naturgesetz. Dass es in Monarchien und Diktaturen solche Hierarchien gibt, hat meines Erachtens aber nichts mit Naturgesetzen zu tun, sondern mit Menschengemachtem. Es handelt sich hier eher um Logik. Wer herrschen will, muss andere unterdrücken, also nach unten drücken. (Was würde entstehen, wenn ein Diktator die Menschen nicht nach unten, sondern nach oben drücken würde? Einen Preis auf die Antwort setze ich nicht aus, ich weiß die Antwort selber noch nicht. )

Bei der Demokratie wiederum gibt es einen krassen Widerspruch zwischen Idealtheorie und Praxis. Das Ideal geht von einer Gesellschaft von Gleichen aus, die unter ihresgleichen einige für begrenzte Zeit auswählen, um die wichtigen Entscheidungen zu treffen. In der Repräsentativen Demokratie (manche nennen sie auch »Realexistierende Demokratie«) wählen wir aber nicht Leute aus unserer Mitte, sondern nur solche, die sich in einer Partei – nun, was? – Ja! – hoch gearbeitet haben. Auf den Arbeitsbegriff will ich an dieser Stelle nicht eingehen und annehmen, dass auch die Schnecke am Ende der Schleimspur etwas gearbeitet hat. Also halten wir fest: Auch die realexistierende Demokratie kennt das Oben und Unten; und zwar nur bezogen auf Volk und Regierung/Parlament. Die Hierarchien durchziehen das ganze öffentliche (und private) Leben. Beamte sind höher gestellt, Richter sowieso. Und alle scheinen ein Interesse daran zu haben, diese Hierarchien aufrecht zu erhalten.

Das funktioniert natürlich nur, wenn es mir gelingt, den Anderen immer in einer niederen Position zu halten. Wenn ihr mal in Berlin seid, schaut Euch das Kammergericht in Moabit an. Es gilt als das Paradebeispiel für Herrschaftsarchitektur. Bevor du reingehst, stelle dir vor, du hast eine Anklageschrift und eine Ladung in der Tasche, zum Beispiel wegen Ladendiebstahl. Schon das Portal macht dich klein und dann erst der monumentale Treppenaufgang und die verwirrende Vielzahl von Gängen, in denen du dich ohne fremde Hilfe kaum zurechtfinden kannst. So bist du schon einige Zentimeter geschrumpft, bevor du überhaupt den Saal erreicht hast. Auch die Säle sind monumental. Hoch, reich verziert, aber die Bestuhlung hölzern. Zum Richter guckst du immer nach oben.

Die anarchistische Gesellschaft, so jedenfalls das Modell, ist verwirklicht, wenn sich die Hierarchie zwischen Menschen aufgelöst hat. Theoretisch gilt das auch für den Kommunismus, nachzulesen bei Marx, und nicht zu verwechseln mit dem Sozialismus, der (auch bei Marx nachzulesen) logischerweise hierarchisch sein muss. Um die klassenlose Gesellschaft zu erreichen, muss es nach der Theorie von Marx die Diktatur des Proletariats geben. Ich meine, das kann nicht funktionieren, aber das hier auszuführen, würde den Rahmen des Artikels sprengen.

Mir scheint die Frage an dieser Stelle aber auch müßig. Egal, wie ich mein Ideal nenne und wie es am Ende tatsächlich aussehen wird, eines scheint mir klar: Es führt kein Weg daran vorbei, uns selber und die Menschen um uns herum zu befähigen und zu ermächtigen, ihre eigenen Interesse zu artikulieren und im Diskurs mit anderen zu einem sinnvollen und einvernehmlichen Interessenausgleich zu kommen. Kafkas Herr K. lässt sich durch das Geschehen treiben. Sein Bestreben beschränkt sich darauf, in Ruhe gelassen zu werden. Selbst wo er nach Erklärungen fragt, geht es ihm nicht um den Erkenntnisgewinn und die Einsicht, mitgestalten zu müssen, wenn Dinge in seinem Sinn geregelt werden müssten. Er will nicht anecken. Er will seine Ruhe.

Gegen Ende des Romans steht Herr K. dann endlich vor Gericht. Aber ehe er begreifen kann, wo er ist, ist es auch schon vorbei. Mich beeindruckt diese Szene jedes Mal aufs Neue. Kafka war selber Jurist – und zwar ein ausgezeichneter. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – beschreibt er uns in wunderbaren Bildern die Situation der Angeklagten vor Gericht. Kafkas Bilder scheinen auf den ersten Blick weit entfernt von der Realität. Bei einem Gericht erwarten wir alle einen durchformalisierten Apparat. Kafka negiert das einfach und weist uns auf die menschlichen Untiefen der Juristprudenz hin. Er stellt den Gerichtssaal als heiteren, munteren Salon dar. Es wird getrunken – und tatsächlich ist Alkoholismus auch unter JuristInnen weit verbreitet. Aber das ist nur ein Randaspekt. Man kennt sich und plaudert und tratscht über alles Mögliche. Und tatsächlich unterscheidet sich ein Gericht diesbezüglich nicht von anderen Arbeitsstätten, in denen Menschen mehr Zeit verbringen als daheim.

Ich habe neulich mit einem Rechtsanwalt gesprochen, der gerade auf die 70 Jahre zusteuert. Am Gericht seiner Heimatstadt ging vor Kurzem eine Richterin in Pension und er stellt plötzlich eine gewisse Fremdheit fest. Sein ganzes Berufsleben hatte er mit Richtern und Staatsanwälten zu tun, die in seiner Altersklasse waren. Mit vielen hatte er zusammen studiert.

Was Kafka uns präsentiert ist ein Gericht, in dem es vor allem menschelt. Richter verhandeln in der Regel immer am selben Wochentag im selben Gerichtssaal. Kafka will uns eben nicht in die Untiefen der juristischen Wissenschaft einführen, sondern präsentiert uns das Gericht als »Wohnzimmer« des Richters mit dem ganzen Beziehungsgeflecht des menschlichen Zusammenlebens. Und er präsentiert uns einen Herrn K., der sich durch diese fremden Räume bewegt, wie ein Fremder, der sich verirrt hat. Kafka hat es Herrn K. auch doppelt und dreifach schwer gemacht. Von Anbeginn des Romans bis zum bitteren Schluss hält Franz Kafka Herrn K. in der Opferrolle. Er weiß nicht, was ihm vorgeworfen wird, er weiß nicht, was er will und deshalb kann er keine Gegenkräfte entwickeln. Weder Richter noch Vollstrecker fühlen sich gezwungen, überhaupt die Frage nach einem Grund ernsthaft zu stellen.

Wir haben es da erheblich besser und doch fällt es auch uns schwer, aufrecht durch diese unbekannten Gänge zu kommen. Auch Antigone kommt – ebenso wie Herr K – zu Tode. Und doch gilt sie – anders als Herr K. – als Heldin. Sie erhält Zuspruch und sie regt dazu an, über ihr Handeln nachzudenken. Sie wird nicht durch die Geschichte getrieben, sondern sie schreitet von Szene zu Szene. Sie weiß, worum es geht und sie gestaltet den Konflikt.

Sophokles präsentiert uns mit Antigone einen Konflikt zweier Menschen, der zugleich ein Konflikt zweier Weltsichten und Moralvorstellungen ist. Der Vater von Antigone, König von Theben ist verstorben. Im kriegerischen Kampf um den Thron werden beide Thronfolger getötet. Kreon, der Onkel, lässt den einen mit allen Ehren eines Prinzen bestatten. Der andere aber soll auf dem Schlachtfeld den Vögeln zum Fraße überlassen werden. Kreon verbietet seine Bestattung. Der alten Väter Sitte aber sagt, es solle ein jeder Toter mit Erde bedeckt werden, auf dass er im Reich der Toten Ruhe finden könne. Antigone bedeckt also den Leichnam des Bruders mit einer Handvoll Sand, um alter Väter Sitte zu erfüllen – und stellt sich damit zwangsläufig gegen das geltende Gesetz.

Das mag uns auf den ersten Blick fremd und fern von unseren Wirklichkeiten erscheinen, aber im Kern geht es um immer noch aktuelle Konflikte. Was ist, wenn das Gesetz Unmenschlichkeit schützt oder gar verlangt? Oder das Dilemma, jemandem schaden zu müssen, um einen anderen zu retten.

Sophokles, der Schöpfer von Antigone hat sie mit weitaus besseren Aussichten ins Drama geschickt. Lassen wir uns vom Ende nicht irritieren. Auch das beste Leben endet irgendwann mit dem Tode. Den entscheidenden Unterschied macht doch die Art, wie wir durch dieses Leben gehen; aufrecht, würdevoll, Hoffnung verbreitend. Antigone gelingt das. Und am Ende, im Schlusschor, ist Kreon der Schuldige, nicht sie. Bei Herrn K. gibt es keinen Schuldigen. Es stellt sich noch nicht mal zwangsläufig die Frage, ob überhaupt Unrecht geschieht. Es geschieht einfach, was geschieht und niemand – Herr K. nicht, aber auch niemand anderes (vielleicht mal vom Leser abgesehen) – fühlt sich veranlasst, über das Nachzudenken, was passiert und was anders hätte passieren können.

Ich glaube, das macht den Unterschied im Standing der Figuren: Die Fähigkeit, selbstständig zu denken und zu gestalten. Das sehen wir, in einer etwas anderen Weise, auch in Umberto Ecos »Der Name der Rose«. Im Inquisitionsprozess gegen die angebliche Hexe und die beiden Ketzer treffen auf der Richterbank zwei Welten aufeinander. Beide hochgelehrt und belesen. Bernardo Gui: In der gelehrigen Aneinanderreihung von Glaubenssätzen ist er das personifizierte Mittelalter, dem der Idealtypus der Aufklärung gegenübersteht: William von Baskerville, stets zweifelnd, hinterfragend, immer auf der Suche nach der Logik.

Bernardo Gui war zu seiner Zeit gewiss ein hervorragender Jurist. Ich fürchte nur, er wäre auch heute noch ein höchst erfolgreicher und bei den Herrschenden angesehener Richter. Aus dem Kopf schafft er es, Rechtssätze aus Gesetzen und Urteilen in Perfektion zu zitieren. Aber als am Ende des Romans die Bauern seinen Wagen umstürzen, scheint er nicht zu verstehen, was das mit ihm zu tun hat. Für die Wut der armen Leute gibt es keinen Rechtssatz, jedenfalls keinen, der in den ganzen gelehrigen Büchern schwarz auf weiß fixiert ist. Auch heutzutage werden zukünftige Richter in den Universität mehr auf die zielsichere Rezitation von Rechtssätzen gedrillt als im respektvoll mitfühlenden Erfassen und Analysieren menschlichen Handelns. So sehr sind ihm die Paragraphen ins Blut übergegangen, dass er einfältig wird in der Wahrnehmung der Wirklichkeit. Er hat einen Toten, einen missgebildeten Mönch, ein nacktes, junges Mädchen, das sich versteckt und eine schwarze Katze. Der Rechtssatz lautet, dass schwarze Katzen mit dem Teufel im Bund sind. Da kann es doch nur eine Schlussfolgerung geben, was will man da noch forschen? So wird das Alte wiedergekäut und ausgeschieden. Wie kann da etwas Neues entstehen? Wie kann da etwas besser werden?

William von Baskerville kennt diese Rechtssätze auch, aber er kennt auch die Gesetze einer grausamen Mangelwirtschaft. Das Mädchen hat nichts zu essen und der Mönch nichts zu lieben, also kommen die beiden zusammen. Im Film ist das, finde ich, auch schauspielerisch gut dargestellt: Auf der einen Seite Bernardo Gui, hochmütig und arrogant und das einfache Volk nur mit Verachtung betrachtend, während William dem Menschen zugewandt ist. Wenn diese Empathie fehlt, führen selbst positive Denkansätze zu Katastrophen. Der einstmals realexistierende Sozialismus ist dafür ein ebenso gutes Beispiel wie die christliche Religion.

Das Schlimme ist, dass es auch heute noch die Guis sind, die Karriere machen in Justiz und Politik. Sie sind es, die die Welt verwalten und gegen die Wand fahren. Die Paragraphen sagen ihnen »Weiterfahren« und so nehmen sie den Abgrund nicht wahr, der sich vor ihnen auftut.

Die William von Baskervilles und die Antigone dagegen sind die Veränderer der Welt. Neben dem Mitgefühl mit den Anderen zeichnet sie aus, dass sie sich nicht zufrieden geben mit Rezitation erhabener Erkenntnisse, sondern sich selber auf die Suche machen. Dazu gehört der aufrechte Gang, also ein gesundes Selbstbewusstsein, das notwendigerweise begrenzt wird vom Zweifel. Der Zweifel (auch der Selbstzweifel) ist bitter notwendig. Er schützt uns nicht nur vor Überheblichkeit, sondern es ist gerade der Zweifel, der uns immer wieder aufs Neue zum Nachdenken zwingt. Es ist aber auch der Selbstzweifel, der uns bei aller Erkenntnis vor Überheblichkeit bewahren kann und unsere Empathie anderen gegenüber erhält; somit auch zu Respekt auch gegenüber dem Gegner erzieht. Die Gewissheit auch irren zu können, weil wir eben auch nur Menschen sind, schützt uns davor, einmal Erkanntes zum unhinterfragbaren Dogma zu erheben und Andersdenkende allein wegen eines Gedanken zu verurteilen.

Wie aber können wir selbstbewusst auftreten, wenn wir ständig zweifeln? Genau deshalb, weil wir dann das Gegenüber als Gleichen wahrnehmen. Er kann irren, wie wir, aber er kann uns auch eine neue Erkenntnis bringen. Das aber wird er nur können, wenn auch wir furchtlos unsere Erkenntnisse und Auffassungen darlegen.

Das wird für uns und die Anderen aber auch schnell langweilig, wenn wir nur eindimensional denken. Die wirklichen Größen der Menschheitsgeschichte waren nicht die Schuldrechtsspezialisten oder die Fachmenschen für die Pädagogik mit schwäbischen Migranten in Ostfriesland. Es waren universal interessierte gebildete Menschen. Ich glaube fest daran, dass Einstein die Relativitätstheorie nicht trotz, sondern wegen seines Interesses auch für Philosophie, Geschichte und Politik und seine Fähigkeiten im Geigen finden konnte.

»Die Entfaltung der Fähigkeiten ist ein revolutionärer Prozeß«
(Rudi Dutschke)

Holger Isabelle Jänicke


Holger Isabelle Jänicke betreut das Rechtshilfebüro für gewaltfreie Aktionen in Hamburg. Seine Arbeit soll ermutigen und Kenntnisse und Fähigkeiten vermitteln, um auch gegenüber staatlichen Autoritäten selbstbewusst Interessen zu vertreten. Ziel ist, dass die Betroffenen verstehen, was juristisch abläuft, darauf reagieren können und mit einem guten Gefühl und Kampfgeist den Gerichtssaal wieder verlassen, unabhängig davon, wie das Urteil ausfiel. www.rechtshilfebuero.de

Der Artikel ist 2016 in Heft 70 – Was wollen wir künftig? erschienen.


Das Artikelbild ganz oben   stammt von Dirk Schäfer ( Wikimedia – CC 2.0) und zeigt einen Ausschnitt des Treppenaufgangs  im Kriminalgericht Moabit.